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Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften

Argument-Neugründung
Vor drei Jahren versprachen die Herausgeber, »die Zeitschrift bis zum Abschluss des 50. Jahrgangs weiterzuführen und die Qualitätsstandards weiter (und zum Teil wieder) zu erhöhen« (249/2003, ). Letzteres wurde zur Zerreißprobe. Der Rahmen einer Berliner Redaktionsgruppe, die seit 2001 keine universitäre Anbindung mehr hatte, erwies sich als zu eng. Er musste, unter Konflikten, aufgesprengt, die Redaktion den technischen Möglichkeiten entsprechend von der Ortsgebundenheit emanzipiert werden. Zugleich galt es, die Fortführung der Zeitschrift über ihren 50. Jahrgang hinaus anzubahnen. All dies zusammen lief auf eine veritable Neugründung hinaus.
Die Übernahme der Zeitschrift durchs InkriT und der Beginn einer Erweiterung der Herausgebergruppe waren erste Schritte. Die Gründung eines
Wissenschaftlichen Beirats, der im vorliegenden Heft seinen ersten Auftritt hat, ist ein dritter Schritt. Er geht einher mit dem Übergang von der festen Struktur zu der einer »lernenden flexiblen Organisation«. Wenn im letzten Heft zum ersten Mal eine »Redaktion dieser Ausgabe« nachgewiesen war, so verbirgt sich hinter dem Zusatz »dieser Ausgabe« das neue Konzept: Für jedes Heft bilden wir künftig in Abstimmung mit dem Beirat, der auch an der Themenplanung mitwirkt, eine eigene »Projektredaktion«. Permanent besetzt sind nurmehr die Koordination und die fachspezifisch zusammengesetzten Rezensionsredaktionen. Aus ihnen, den Herausgebern und den jeweils arbeitenden Projektredaktionen setzt sich die Aktivengruppe zusammen, die an die Stelle der bisherigen Redaktionsversammlung tritt. Mit dem Wechsel der Projektredaktionen wird diese virtuelle Versammlung sich im Rhythmus der Hefte immer wieder umschichten. Insgesamt bedeutet dies eine Öffnung und Vergesellschaftung der Zeitschrift. Wie bei jedem Experiment ist das Ergebnis offen. Bei den kommenden InkriT-Tagungen werden die Erfahrungen ausgewertet – so erstmals am 2. Juni. Spätestens hier treten Beirat und Aktivengruppe zumindest teilweise aus ihrem unvermeidlich virtuellen Dasein heraus ins unersetzliche einer leibhaftigen Zusammenkunft.  (WFH)

Zur Autonomen Frauenredaktion
Als Krise fasst man die Zeit, in der sich entscheidet, ob der Patient die Krankheit überwindet oder stirbt. Im Argument haben wir die langschwärende Krise der Redaktion genutzt, um einen Aufbruch nach vorn einzuleiten. Wir haben die Redaktionsarbeit auf einen Stand gebracht, auf dem sie entsprechend des Stands der Kommunikationsmittel seit langem hätte sein müssen, wie ja dank Internet seit Jahren der Umbruch in Island gemacht wird. Beirat und Projektredaktionen bilden sich nicht nur überlokal, sondern international, ja global. Unserer Einladung sind in wenigen Wochen fast 50 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gefolgt. Zum ersten Mal sind die Hälfte davon Frauen, dies ist ein überraschendes Novum.
Was für die Redaktion allgemein gilt, gilt auch für die Autonome Frauenredaktion. An ihre Stelle treten der feministische Teil des Wissenschaftlichen Beirats und die entsprechenden Projektredaktionen. Beide arbeiten bereits auf vollen Touren, derzeit sind Planideen für mehrere Jahrgänge im Gespräch. Die Redaktion des nächsten Frauenheftes, das unterm Titel Geschlecht und Migration vorbereitet wird, setzt sich aus zwölf Redakteurinnen zusammen; Rezensionen sind in Arbeit, Übersetzerinnen gefunden usw. Drei weitere Hefte sind in Angriff genommen. Die Arbeit ist ungleich lebhafter, aktueller, vielfältiger geworden, freilich auch anstrengender. Die nächsten Jahre werden zeigen, was jetzt möglich ist. (FH)
 
Qualitätsstandards
Karl-Heinz Götze kam beim Blättern im letzten Argument manches »über die Zeiten hinweg seltsam vertraut vor: die hohe Qualität, die ewigen Illusionen, die Finanzlage ...«. Als illusionär mag ihm der »Optimismus des Willens« vorgekommen sein, der uns bei allem »Pessimismus des Verstandes«, wie es bei Gramsci heißt, weitermachen lässt. Die Qualitätsansprüche aber waren es, an denen sich Konflikte in der bisherigen Redaktion entzündeten. Daher ist es angezeigt, einige der Maximen auszusprechen, denen wir bei der Gestaltung der Zeitschrift zu folgen suchen. Fragen der Qualität sind Fragen der Ausstrahlung. Ob ein Aufsatz gelesen wird, hat – neben dem Prestige des Autors bzw. der Autorin und der Signalwirkung des Titels – damit zu tun, ob er gut geschrieben ist. Wenn der Anfang bereits verstellt ist, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass selbst wohlgesinnte Leser über die erste Seite hinauskommen. Qualität ist nicht auf Grammatik, Wortwahl oder Orthographie reduzierbar, aber ohne diese ist noch jede Botschaft von vornherein um ihre Wirkung gebracht. Die Form lässt sich vom Inhalt nicht trennen. Sie stellt sich auch dort nicht automatisch ein, wo das Richtige, Notwendige oder auch nur Interessante und Mitteilenswerte gesagt wird. Es ist ohne die Materialität des sprachlichen Ausdrucks nicht zu haben. Man muss sich Lektüre verdienen. Die Redakteure sind in der Pflicht, sprachliche Hebammendienste zu leisten, nachdem positive Voten den Weg zur Veröffentlichung eines Textes frei gemacht haben. Jetzt schlägt die Sternstunde des Redakteurs-Daseins: Ein Text bittet um die Ehre, ins Reich der deutschsprachigen Literatur entlassen zu werden.
»Selbstverständigung der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche« – diese (marxsche) Formel aus den Gründerjahren verlangt eine Arbeitsweise, die die politische Analyse der bloßen Exekution eines für politisch korrekt Gehaltenen vorzieht. Wenn Brecht für die »Weite und Vielfalt« realistischer Stilmittel stritt, so findet dies seine Entsprechung beim Machen einer Zeitschrift. Um »der theoretischen Kultur der Linken« zu dienen (vgl. 6 / 987), muss eine Vielzahl von Auffassungen zu Wort kommen. Ferner gilt: »Die Widersprüche sind unsere Hoffnung« (Brecht). Nur wenn es gelingt, Handlungsfelder und die darin sich kreuzenden und einander wechselseitig verstärkenden oder blockierenden Tendenzen zu analysieren, wird man fähig, wirksam einzugreifen und sich manövrierfähig zu halten. Überzeugungen sind Orientierungsmarken im Rauschen der Meinungen. Ihr Bildungsprozess ist unabschließbar.
Statt zur richtigen Gesinnung zu überreden, sollen die Autoren daher zeigen und zu denken geben. Die dabei verwendeten Denkmittel müssen ihre Nützlichkeit stets aufs neue beweisen. Die Mitte haltend zwischen dauerndem Werk und vergänglicher Presse, praktiziert die Zeitschrift notwendig ein Prinzip Abstand, das befähigen soll, in den Widersprüchen der Gegenwart handlungsfähig zu werden.  (PJ)
 

Das Argument 264 · Editorial

I.

Der Hefttitel sagt »Amerika« und meint die USA. Warum? Haben wir Lateinamerika mit seinem widersprüchlichen Siegeszug von Linksregierungen unterm Neoliberalismus (Arg. 262) vergessen? Keineswegs! Doch die Chiffre »Amerika« steht gegenwärtig für die Verdichtung der größten Gegensätze, wie überhaupt die USA »alle Spaltungen in sich [tragen], die weltweit zu finden sind« (252/2003, 503). »Amerika«, das bedeutet nicht nur fast globale massenkulturelle Hegemonie, sondern auch einen »Ausnahmezustand«, den der US-Präsident »über die gesamte Weltgesellschaft verhängt« hat (Sigrist 2002, zit.n. HTK, 09) und der auch das US-»Homeland« mit einem Netz aus Bespitzelung und Präventivhaft überzieht. Die USA taten sich anfangs der 990er Jahre schwer, als Gorbatschows Perestrojka und der Zusammenbruch der SU dem Westen den »Feind« geraubt hatte. Sie brauchten Ersatz und haben sich diesen geschaffen. Blinde systemische Dynamik und bewusste strategische Planung wirkten zusammen, einen »Zusammenstoß der Zivilisationen« zu inszenieren, der inzwischen ein Weltkriegsszenario aufscheinen lässt, das »ganz offensichtlich ein ›Kampf der Barbareien‹ ist!« (Achcar 2002, 77)
Der Funke, dass eine dänische Zeitung Mohammedkarikaturen veröffentlichte, hat genügt, einen globalen Aufruhr unter der Weltgemeinde des Islam zu entzünden. Der Funke kam zwar nicht aus den USA, doch hat deren Politik in den vergangenen Jahren nichts unterlassen, um das Hasspotenzial zu schüren. Sie hat zumal die arabischen Massen gedemütigt. Sie hat, wie zuletzt George Clooneys grandioses Filmpuzzle Syriana vor Augen geführt hat, in den Ölländern über Jahrzehnte hinweg die demokratischen, geschweige sozialistischen Reformkräfte geschwächt oder zerstört und ebenso reaktionäre wie parasitäre Regimes an der Macht gehalten. Und sie hat in Gestalt Al Khaidas, der Taliban u.a. »ein Netzwerk aus Hass, Warlords und Söldnern und globalem Terror [...] auf die muslimische Welt los[gelassen]«, das »sich schließlich gegen seinen Herren« gewandt hat« (Majeed, zit.n. HTK, 2 2), »ein Bumerang, eine Bombe, die der Imperialismus fabriziert hat und die jetzt auf ihn zurückfällt« (Labica, zit.n. ebd.). Eine soziostrukturelle Etage tiefer erweist sich der aufgeputschte Konflikt »als ein verschobener Zusammenstoß zwischen dem amerikanischen Imperium und der Arbeitskraft, die es aus der Welt der formellen Ökonomie verstoßen hat« (Davis 2004). Die globale Wirklichkeit nähert sich Marge Piercys Antizipation in ihrem Roman Er, Sie und Es an, wo die vom Standpunkt der Konzerne Vielzuvielen in eine ökologisch und sozial kaputte Welt ausgestoßen sind.
Seit 200 hat uns kaum ein Thema so nachhaltig beschäftigt wie das der US-Politik. Die Editorials spiegeln dies. Wir verfolgten, wie die regierenden »Neocons« in mephistophelischer Ausnutzung der Schrecken des . September die Ausbreitung des »geistigen Kriegsrechts« betrieben (242/200 , 443). Während noch beklommene Solidarisierung mit den USA die globale Staatenwelt beherrschte, konstatierten wir: »Die USA haben die militärische Macht auf ihrer Seite, weder das Recht noch den Konsens. Auf die [...] Vision einer Hegemonie ohne Hegemon antwortet die Realität mit einem Hegemon ohne Hegemonie.« (244/2002, 2) Diesen Widerspruch begriffen wir als instabil. »Denn die Epoche konkurrierender Imperialismen ist in der Tat vorbei. Eine imperiale Struktur, die dem Geflecht transnational agierender Konzerne entspricht, ist in Herausbildung begriffen.« (248/2002, 6 0) Noch im Heft darauf glaubten wir die Formel »Herrschaft ohne Hegemonie« mit einem Fragezeichen versehen zu müssen, als wir die Wende zum imperialistischen Unilateralismus fast ungläubig protokollierten (Arg. 249/2003, ). Ein Jahr später, als wir die Spaltung untersuchten, die das neu-imperiale »Staatengeflecht des transnationalen Hightech-Kapitalismus« durchzieht, diagnostizierten wir bereits »Domination mit Dyshegemonie« (257/2004, 629f).
Aber ist nicht nach wie vor der Neoliberalismus zumindest unter den Eliten weltweit hegemonial? Sprachen wir nicht sogar von einer »Kaziquisierung« der Nationalstaaten, um deren Transmissionsfunktion im Verhältnis zu den »v.a. von den USA kontrollierten Dispositiven imperialer Macht« zu kennzeichnen (262/2005, 455)? Und hatte es nicht schon in den 990er Jahren genügend Anhaltspunkte für die Militarisierung des Neoliberalismus gegeben? Nicht umsonst führten wir angesichts der Bombardierung Jugoslawiens die Rubrik Neoliberalismus als Krieg ein (vgl. die Hefte 23 / 999 bis 234/2000). »Gelingt es nicht, die Anpassung an das neoliberale Modell ökonomisch zu erzwingen, folgt, sofern das Risiko überschaubar ist, militärischer Druck.« (Candeias 2000, 264) Was hat sich seither geändert?
Spätestens seit dem Aufstand der Zapatistas von 994 gegen den Neoliberalismus war der Kritik der neoliberalen Globalisierung oberste Priorität zugewachsen. Doch 2003 drängte Paul Bové in einem Brief an die Herausgeber auf eine Korrektur. Anders als Clinton machte der zweite Bush jetzt weniger neoliberale Umstände im Sinne »der normativen Prämisse, dass die Kräfte des Marktes über die des Staates dominieren sollen« (Söderberg 2004, 30 ) und schien zwecks Ressourcenkontrolle die direkte Weltherrschaft der USA anzustreben. Leo Strauss hatte Hayek vom Platz eins der Säulenheiligen verdrängt. Freilich ist nicht zu verkennen, »dass republikanische und demokratische Strategen gemeinsam das Programm des neoliberalen Neoimperalismus ausgearbeitet haben« (Perry Anderson, zit.n. Bahners). Paul Bové nahm 2003 an, in den USA werde Opposition zwar einerseits leichter dank der Offensichtlichkeit des Herrschaftszugriffs, doch »nackter Macht gegenüber« sei das Wirken kritischer Intellektueller schwerer und gefährlicher geworden. »Zumindest in den USA«, schloss er, »wird die Opposition erdrückt werden.« Dass das andere Amerika nicht verstummt ist, lässt sich an Werk und Erfolg des bekennenden Sozialisten Tony Kushner ablesen, dessen siebenstündiges Epos Angels in America ( 992/93) über die Rekonstruktion der Linken und eine postsowjetische utopische Idee 2003 verfilmt worden ist. Auf die Herstellung von »Chaos, Blutvergießen und Aggression« im Mittleren Osten durch den Imperialismus des Westens hatte Kushner bereits mit seinem Afghanistan-Stück Homebody/Kabul von 2000/0 hingewiesen: »Die Information, die man brauchte, um lange vor dem .9. zumindest in groben Umrissen das bevorstehende Unheil kommen zu sehen, war so überreich und leicht zugänglich, dass selbst ein Stückeschreiber darüber verfügte« (Kushner 2004, 44). Die Ereignisse überrollten sein Stück. Die Anfeindungen aber, die sein Drehbuch für Steven Spielbergs München seitens der amerikanischen Rechten auf sich gezogen hat, zeigen, dass er in den USA als ›öffentlicher Intellektueller‹ wirkt.
Inzwischen sind die Misserfolge oder das blanke Versagen der US-Politik oder ihr kaum verhüllter Lobbycharakter Tagesgespräch. Die Kriegskosten übersteigen mit den von Joseph E. Stiglitz und Linda Bilmes geschätzten Gesamtkosten von »über , vermutlich 2 Billionen Dollar« selbst das von linken Kritikern zu Beginn des Krieges angenommene worst case scenario. Der Ölpreis hat sich nahezu verdoppelt, das Potenzial des internationalen Terrorismus verhundertfacht, der Irak versinkt im Bürgerkrieg. Zalmay Khalilzad, US-Botschafter im Irak, hat als erster aus dem Kreis der Mächtigen um Bush ausgesprochen, was der Rest der Welt denkt und immer öfter sagt: Mit der Eroberung des Irak und dem Sturz des Baathregimes haben die USA eine »Büchse der Pandora« geöffnet. Bushs gebetsmühlenhaft wiederholte Behauptung, die Welt sei dank Saddams Sturz sicherer geworden, ist nurmehr ein schlechter Witz. Während sich die US-Streitmacht verzettelt, scheint ihre politische Führung bereits den nächsten Krieg vorzubereiten, diesmal vermutlich ohne Bodentruppen und, so ist zu befürchten, mit Zustimmung der meisten europäischen Regierungen. Versagen und Korruption geben sich die Hand im eigenen Land. Wie ein Gleichnis wirkt, dass im Katrina-Katastrophengebiet um Biloxy (Süd-Mississippi), wo die ans Land geschwemmten riesigen schwimmenden Spielkasinos Häuser und Menschen unter sich begraben hatten, die Glücksspielindustrie die einzige ist, die in diesem Gebiet mit Regierungssubventionen wieder aufgebaut wird. »Everything is coming down around Bush’s head«, schreibt Fred Jameson, »eine Katastrophe nach der andern, und alles zusammen mag neue politische Bewegungen hervorbringen. Doch die Demokraten sind so dumm und feige wie immer, und es ist sinnlos, von ihnen etwas zu erwarten.« Ingar Solty hält in seinem Beitrag dagegen, dass historische Gründe der Linken nichts anderes übrig lassen, als sich gleichwohl in der Demokratischen Partei zu engagieren.
Die Tendenz zum Autoritarismus wird in den USA zunehmend mit dem Faschismus verglichen. So fühlte Hortense Spillers sich von der Ausnutzung des . September an die des Reichstagsbrands durch die Nazis erinnert (252/2003, 522ff), und der Niedergang der amerikanischen Demokratie wurde von Henry A. Giroux und Richard Sennett als »Proto-Faschismus« bzw. »sanfter Faschismus« diskutiert (2004). Auch wenn der Faschismusbegriff dabei verschwimmt und, wie sich bei John Sanbonmatsu in diesem Heft sehen lässt, die für die historischen Faschismen spezifische Verbindung von Großkapital, funktionalen Eliten und faschistischer Bewegung aus dem Blick geraten kann, wie auch in den USA von einer Gefährdung des Kapitalismus durch eine starke Arbeiterbewegung keine Rede sein kann, sind zwei Momente des klassischen Faschismus vorhanden, nämlich ein imperialistisches Projekt des »Blocks an der Macht« und eine rechtsextreme Massenbewegung, die bei aller Teilkritik am amerikanischen Neokonservatismus und bei aller soziokulturellen Distanz zu ihm in dessen Projekt eingebunden ist. Dass die religiöse Unterlage der US-Politik gleichwohl keineswegs homogen ist, zeigt Karen Ruoffs faszinierende ›ethnologische‹ Erkundung zur Religion in Amerika. (WFH)
 
Literatur
Achcar, Gilbert, Der Schock der Barbarei. Der 11. September und die »neue Weltordnung«, Köln 2002
Bahners, Patrick, »Der Tag danach«, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 0.05, N 3
Candeias, Mario, »Die Gewalt der Globalisierung«, Das Argument 235, 42. Jg., 2000, H. 2, 26 -7
Davis, Mike, »The Urbanization of Empire. Megacities and the Laws of Chaos«, in: Social Text, Winter 2004
Gill, Stephen, »Die falsche Antwort auf die amerikanische Frage. Eine Replik auf Wallerstein«, in: Prokla 34, 2004, H. 2, 287-97
Giroux, Henry A., Proto-Fascism in America. Neoliberalism and the Demise of Democracy, Bloomington 2004
Haug, Wolfgang Fritz, High-Tech-Kapitalismus, Hamburg 2003, 2. Aufl. 2005 (zit. HTK)
Kushner, Tony, Angels in America. A Gay Fantasia on National Themes, New York 2003
ders., Homebody/Kabul, Revised Version, New York 2004
Labica, Georges, in: Amin, Samir, Yves Bénot, Rémy Herrera, Georges Labica u. Isabel Monal, Table Ronde »Post-Manhattan«, Congrès Marx International III, 26.-29.9.2001, Nanterre (Tonbandabschrift, nach dem Ms.)
Majeed, Izzat, »Offener Brief an Usama Bin Ladin«, Frankfurter Allg. Sonntagszeitung 8. 11.2001, urspr. in: The Nation, Karachi
Piercy, Marge, Er, Sie und Es, Roman, Hamburg 2002
 Sennett, Richard, »The Age of Anxiety«, in: The Guardian, 23. 0.2004
Sigrist, Christian, »Weltsouverän des Krieges«, in: Neues Deutschland, 23./24.2.2002
Söderberg, Susanne, »Das amerikanische Empire und die ›ausgeschlossenen Staaten‹«, in: Prokla 34, 34. Jg., 2004, H. 2, 299-3 9
Stiglitz, Joseph E., »Los verdaderos costes de la guerra de Irak«, El País, 7.2.06, 3

 
II.

Noch sind wir nicht alle selbst Amerika, aber über Amerika nachzudenken, bleibt niemandem erspart. Der dänische Regisseur Lars von Trier konstruiert in seinen Filmen über die USA das »Abbild eines Landes«, »das ich nicht kenne, über das ich mir aber eine Meinung gebildet habe«2, weil amerikanische Politik, Kultur, Lebensweise derart omnipräsent sind, dass alle daran Teil haben, ob sie wollen oder nicht – auch in der Negation, denn die imperiale Wendung der US-Politik befördert weltweiten Antiamerikanismus. Die Macht und Anziehung der globalisierten Warenwelt produziert tiefe Spaltungen und Risse. Die USA repräsentieren dabei beide Seiten: die Verheißungen von Wohlstand und Freiheit sowie den Verlust von ›Werten‹ und sozialer Sicherheit, wachsende Vereinzelung und blockierte Entwicklung. Amerika denken heißt zugleich, die Widersprüche kapitalistischer Transnationalisierung von Produktions- und Lebensweise zu denken.
Für Gramsci war die progressive kapitalistische Bewegung der Zeit der Amerikanismus. Er fragte sich, ob dieser »eine geschichtliche ›Epoche‹ bilden kann, [...] oder ob er nur die molekulare Anhäufung von Elementen darstellt, die dazu bestimmt sind, eine ›Explosion‹ hervorzurufen« (Gefängnishefte, H. 22, § ). Die Frage ist aktueller denn je. Nach der Explosion des Zweiten Weltkrieges und dem Sieg über die nachholenden Fordismen faschistischer Prägung führte gerade der Erfolg des Amerikanismus/ Fordismus zum Aufkommen ökonomischer Konkurrenten in Europa und Japan und zur Erosion us-amerikanischer Macht. Die Krise des Fordismus wurde mit einer neoliberalen kapitalistischen Durchdringung des Globus auf Basis der informationstechnologischen Umwälzung der Produktivkräfte beantwortet. Das Versprechen der Entwicklung durch volle Integration in den Weltmarkt bot zunächst auch für periphere Länder eine Perspektive. Ein beträchtliches Wachstum in weiten Teilen der Welt, nicht nur konzentriert auf ›Eliten‹, sondern die Entwicklung von ›Mittelschichten‹, das Aufbrechen patriarchaler und feudaler Strukturen, die Durchsetzung formeller Demokratien konnten ebenso wie der Mythos Amerika als Elemente eines mit Zwang gepanzerten Konsenses dienen. Besonders unter Clinton stand der Versuch im Vordergrund, eine us-amerikanisch geführte multilaterale Weltgesellschaft auf den Prinzipien des entfesselten Weltmarkts, pluraler Demokratien und bürgerlicher Menschenrechte zu konstruieren. Die Wucht neoliberaler Globalisierung und ihrer Krisen zerstörte aber sukzessive die Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerungen in den inneren und äußeren Peripherien, zersetzte gesellschaftliche Kompromisse. Auf die kumulierten Widersprüche reagierte die Regierung von George W. Bush, indem sie die »Hegemoniepolitik beiseite« schob (Bové, Argument 252, 5 2).
Der Verlust der Hegemonie spiegelt sich in einer weltweit aufkeimenden Ablehnung amerikanischer Politik, von Südostasien über den nahen Osten bis Südamerika, wo sich momentan die Kritik eines neoliberalen Amerikanismus in vielen Ländern politisch geltend macht. Sogar in Europa, eher im westlichen als im östlichen Teil, gehört die Ablehnung ›amerikanischer Verhältnisse‹ zum Alltagsbewusstsein. Immanuel Wallerstein deutet die Polarisierung als neuen Antagonismus zwischen transnationalem Machtblock und einer vielfältigen globalisierungskritischen Bewegung der Bewegungen. Doch die Anordnung der Gegensätze lässt sich nicht reduzieren auf »zwei große feindliche Lager« (Marx, Manifest, 4/463), auch nicht auf den Gegensatz des transnationalen »Imperiums« und der »Multitude«. Die konkreten Auseinandersetzungen verlaufen zwischen quer zu Klassengegensätzen gebildeten Blöcken, vielfältig vermittelt und gebrochen entlang ethnischen, nationalen, geschlechtlichen und religiösen Differenzen und Zuschreibungen. Islamistisch-fundamentalistische Bewegungen und transnationale Terrornetzwerke z.B. können beide Anhänger aus entrechteten gesellschaftlichen Klassen rekrutieren, doch ihren Kern bilden meist vom Abstieg bedrohte Gruppen, die ihre eigenen Herrschaftsprojekte verfolgen. Entsprechend fragmentiert ist der Widerstand, häufig verwoben mit reaktionären Elementen oder ideologischen Verschiebungen. Darin spiegelt sich, dass von einer von den USA ausgehenden ›passiven Revolution‹, die als höhere Entwicklungsstufe kapitalistischer Herrschaft gleichzeitig neue kulturelle, ökonomische und soziale Formen entwickeln würde, kaum noch die Rede sein kann.
Angesichts der Transnationalisierung von Macht- und Produktionsstrukturen ist erneut mit Gramsci zu fragen, ob Hegemonie noch in nationalstaatlichen Kategorien zu denken ist, ob die »sozialökonomische Struktur« nicht schon »so vereinheitlicht« ist, dass diese Monopole »nicht als Hegemoniebasis dienen« können. Sie können in Form eines »finanziell-ökonomischen ›Imperialismus‹« ausgespielt werden, aber nicht im Sinne umfassender »intellektuell-politischer Hegemonie« (Gefängnishefte, H. 3, § 26). Was wir erleben ist ein Ringen um die Form neoliberaler Globalisierung zwischen den USA und Europa, den G8 und den G20+ Staaten, zwischen transnational orientierten und eher binnenmarktorientierten Kapitalfraktionen und Machtgruppen etc. Um zu einer Hegemoniepolitik zurückzukehren und in diesem Sinn führende, nicht bloß erzwingende Macht zu werden, müssten die USA sich in transnationale Hegemonieverhältnisse einordnen. Dass sie sich dem verweigern, lässt die Weltordnung ›explosiv‹ werden.
Angesichts des unverhüllten Ausspielens ihrer militärisch-ökonomischen Macht erscheinen die USA mächtiger als je zuvor. In Teilen der Linken wird die konservative Imagination eines globalen US-Imperiums nur negativ gespiegelt, statt die Verhältnisse zu begreifen. Die US-Eliten sind in der Tat überall an den entscheidenden Schaltstellen der Macht, haben enormen Einfluss. Sie werden indes nicht mehr uneingeschränkt begrüßt, eher beargwöhnt bis offen bekämpft. Der Mythos Amerika ist noch wirksam, doch zunehmend Fassade, auch für wachsende Teile der us-amerikanischen Bevölkerung. Für Gramsci wäre dies vielleicht Ausdruck einer Erosion der Hegemonie der herrschenden Klassen im Innern der USA, einer wechselseitigen Blockade der Fraktionen des Machtblocks, eines Verlusts der Überzeugungskraft gegenüber den Subalternen, einer mangelnden Fähigkeit zur Einbindung und Reartikulation ihrer Interessen. Diese Verdichtung von Gegensätzen bei gleichzeitiger Blockierung rückt Sicherheitsdispositive in den Vordergrund – Hortense Spillers sah darin eine »Zerstörung der amerikanischen Zivilgesellschaft« (Argument 252, 522). Die Verschärfung kommt allerdings nicht allein von ›oben‹: die stärkste soziale Bewegung der USA ist kämpferisch konservativ bis reaktionär. Klassenauseinandersetzungen werden damit ins kulturell-religiöse Feld verschoben, und die Unterworfenen schreiben sich durch die Form ihrer Widerständigkeit selber ins neokonservative Herrschaftsprojekt ein. Zu begreifen ist dies vor dem Hintergrund der Politik der Demokraten: ihre Verallgemeinerung des Neoliberalismus unter Clinton, ihr Elitismus ohne organische Verbindung zu den Subalternen, ihre Vernachlässigung der Klassenfrage zugunsten gesellschaftlicher Liberalisierung. Immerhin entwickelt sich in den letzten Jahren eine ›neue› Linke, die jenseits der offiziellen Medien neue »Graswurzel«-Strategien erprobt und Verbindungen zwischen gewerkschaftlichen Bewegungen, sozialen Bewegungen, Studentengruppen, Migrantenorganisationen usw. knüpft. Neben symbolischen Erfolgen, wie der Organisation der größten Massendemonstrationen in den USA seit Vietnam anlässlich des Irakkriegs, stellen sich erste materielle Erfolge ein: z.B. zwangen die Kampagnen gegen Wal Mart diesen Einzelhandelsriesen und größten Arbeitgeber der USA dazu, soziale Rechte seiner Angestellten anzuerkennen. Insofern »lebt« Amerika als »umkämpftes Terrain« (Bové, Argument 252, 52 ). Der Verlauf dieses Ringens wird entscheidend die Weltverhältnisse bestimmen. Das macht eine radikale, aber differenzierte Kritik und Analyse amerikanischer Verhältnisse unverzichtbar. MC
 
III.

Wie seinerzeit den Machthabern im untergegangenen Reich des »real existierenden Sozialismus« die Haltung zur Sowjetunion, so gilt heute den Führern der USA und ihren Hofintellektuellen in aller Welt die Einstellung zu Amerika als Lackmustest für geistige Gesundheit und politische Satisfaktionsfähigkeit. So erklärte jüngst der britische Historiker Bernard Wasserstein Antiamerikanismus und Antisemitismus für in analoger Weise »paranoide Weltanschauungen«, die »in einer symbiotischen Beziehung verbunden« seien (Chronicle of Higher Education, 28.9.200 ). Dieser sozialpsychologischen »Theorie« soll auch hierzulande Anerkennung verschafft werden. Jedenfalls muss man zu diesem Schluss kommen, wenn man die steigende Zahl deutschsprachiger Veröffentlichungen zur Kenntnis nimmt, die den Antiamerikanismus als ein ausschließlich in den Subjekten selbst begründetes psychopathologisches Phänomen diagnostizieren, welches vollkommen analog dem des Antisemitismus sei, der bekanntlich gar keiner realen Juden bedarf, um seine Vorurteile zu produzieren. Antiamerikanismus existiere hier unabhängig von realem Handeln der USA, er sei allein dumpfes Vorurteil. Die Deutschen, ja tendenziell die Europäer generell, seien gewissermaßen nahtlos vom Antisemitismus zum Antiamerikanismus übergegangen.
Ein Autor wie Andrei S. Markovits hat über diese neue politische Gefahr gleich ein ganzes Buch geschrieben (Amerika, dich hasst sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 2004), in dem er über einen angeblich bis zu Christopher Columbus zurückzuverfolgenden Hass »der europäischen Eliten«, besonders der deutschen, auf die nordamerikanischen Siedlerkolonien fabuliert. Wie stets, wenn irgend jemand direkt oder durch Insinuation den Antisemitismus der Deutschen anspricht, und sei es wie hier in der Absicht, nicht die Juden vor Verfolgung, sondern die Politik der US-Regierung vor Kritik zu bewahren, reagieren linke und sozialdemokratische deutsche Intellektuelle mit einem Reflex schuldbewusster Betroffenheit.
Nun mag es in der Tat in Deutschland eine Reihe von Menschen geben, die von den USA so wenig wissen wie sie umgekehrt negative Stereotypen über dieses Land und seine Menschen absondern, aber sicherlich nicht mehr als über andere Länder und andere Völker. Den Analytikern des »Antiamerikanismus«, die wir meinen, geht es auch gar nicht um die generellen Vorurteile der Deutschen. Ihnen geht es um die Desorientierung, Delegitimierung und Verunsicherung linker Kritiker aus Europa an der Weltpolitik und der globalen Rolle der USA. Ihnen geht es, mit anderen Worten, um die Bekämpfung der breiten Bewegung einer demokratischen Amerikakritik, wie sie sich in Europa und praktisch allen anderen Teilen der Welt zum Teil gegen die geballten Meinungsmanipulationsversuche von Massenmedien seit dem Überfall auf den Irak herausgebildet hat. Indem der Protest gegen die Nahostpolitik der USA identifiziert wird als Antisemitismus, soll als bedingter Reflex schuldbewusste Betroffenheit erzeugt und den unbequemen Kritikern damit das Maul gestopft werden. Speziell der Generation der ins Denkalter kommenden jungen Deutschen soll ein für alle Mal eingebläut werden: Wer heute als Deutscher sich gegen den Irakkrieg äußert, vollstreckt das Vermächtnis der Nazis.
Während der Produktionszeit dieser Ausgabe hat sich eine Gruppe bekannter amerikanischer Intellektueller mit einem Dringenden Aufruf an die Völker der Welt gewandt, in dem sie um Geldspenden aus dem Ausland bitten, die in ein International Endowment for Democracy eingebracht werden sollen, mit dessen Hilfe der Kampf um die Demokratie in den USA gefördert werden soll (vgl. www.internationalen dowmentfordemocracy.org). Und in einer der letzten Ausgaben des amerikanischen Newsletters Counter Punch stellt Gabriel Kolko verzweifelt die rhetorische Frage: »How long will Europe put up with a crazed America«? Dass sich linke und liberale Intellektuelle in Amerika mitunter illusionäre Hoffnungen auf die Hilfe »der Europäer« beim Kampf um die Demokratisierung ihres Landes machen, kann als Indiz für das Ausmaß ihrer Verzweiflung angesehen werden. Denn sie sind es, die uns seit einigen Jahren schon auf die moralische und politisch-ideologische Identität der Begriffe »Amerika« und »Neoliberalismus« hingewiesen haben. Amerika denken heißt heute u.a., dies systematisch zu reflektieren. Die fundiertesten und radikalsten Kritiker amerikanischer politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen stammen dabei immer noch aus den USA selbst. (FU)
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 1 Stephen Gill warnt mit Recht davor, das nach wie vor überwältigende vielfältige Kontrollpotenzial der USA zu unterschätzen (2004, 296).

2 Kommentar zu seinem Film Dogville, München 2003. 2005 folgte der zweite Teil seiner Amerika-Trilogie Mandalay.


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