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Frigga Haug

 

NEU im März 2015

Frigga Haug
Der im Gehen erkundete Weg – Marximus-Feminismus

Berliner Beiträge zur kritischen Theorie Band 18
384 Seiten • ISBN 978-3-86754-502-0 • 24 € [D]
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Um aus der Geschichte zu lernen, erfahrungsgeladene Theorien zu ergreifen und dabei die Bodenhaftung, die Verbindung zum gelebten Leben zu behalten, gilt es, die Widersprüche nicht zu fürchten, sondern im Gegenteil aufzuspüren und fruchtbar zu machen. Das Ermitteln des persönlichen Anteils an der Gesellschaft ist ein Schritt in diese Richtung. Herrschaft und Unterdrückung reproduzieren sich als Verstrickung, als Geflecht aus Kompetenz und Unterworfenheit, Widerstand und Zustimmung. Nur mit der Bereitschaft, die scheinbare Sicherheit gewohnter Denkschemata infrage zu stellen, lässt sich marxistische Gesellschaftsanalyse für demokratischen Aufbruch einsetzen. Dieses Buch erzählt die Bildungsgeschichte eines Begriffs und zugleich die einer feministischen Marxistin: In der Erkundung eigener Praxen und Gewissheiten zeigt Frigga Haug Forschung als einen nicht nur Gesellschaft durchleuchtenden, sondern auch autobiographischen Prozess. Marxismus-Feminismus ist ein im Gehen erkundeter Weg.

Aus der Einleitung:
Die Arbeit des Gedächtnisses
Sollte ich das Buch mit dem Anfang beginnen, also mit meinen beiden ersten Eingriffen, die ich vor fast einem halben Jahrhundert, Anfang der 1970er Jahre, in dieses bis heute aufgeladene Feld von Gewissheiten, Gewohnheiten und auch Dummheit hineinschrieb, in dem sich Marxismus-Feminismus entwickeln musste? Die Frage selbst signalisiert schon in der Wortwahl Unmögliches, das sich sogleich als schlechter Stil äußert. Was heißt, mit dem Anfang beginnen? Es ist eine Frage, die sich noch nicht ins Offene wagt. Die beiden Texte liegen wie ein Stein in meinem Magen, unerledigt und zugleich nebensächlich. Ich wollte sie vergessen. – Nach vielfachen Umkreisungen konnte ich sie erst nicht wiederfi nden, was aber bei veröffentlichten Texten nicht ganz leicht ist. Dann wagte ich es und las sie. Wird schon so schlimm nicht werden. Schließlich sind auch diese Stücke von mir geschrieben, können also nicht einfach so schlecht sein, wie ich vor der Prüfung befürchtete. Sie übertrafen meine beklemmenden Vorannahmen bei weitem, weil sie nicht bloß langweilig und unerfahren waren. Vor allem kannte ich sie schon als Argumente von jemand andrem, die nicht ich war. Sie lasen sich, zum Teil bis in den Wortlaut, ganz wie die vielen von mir für äußerst dumm, halsstarrig, unbelehrbar gehaltenen Artikel gegen mich im Kontext der Opfer-Täter-Debatte nur 10 Jahre später, und auch wie die Reden gegen meine Versuche fast 40 Jahre später, linke Politik von Frauen angesichts des verloren gegangenen Horizonts zu verlebendigen.
Erinnerungspolitik zu betreiben ist ebenso notwendig wie schmerzhaft. Geht doch auch im Umgang mit uns selbst die Hoffnung eine höchst merkwürdige Verbindung mit dem Vergessen ein. Christa Wolf schreibt in Kindheitsmuster, dass »wir uns unaufhaltsam fremd werden ohne unser Gedächtnis an das, was wir getan haben, an das, was uns zugestoßen ist […] die Arbeit des Gedächtnisses […] als Krebsgang, als mühsame rückwärtsgerichtete Bewegung, als Fallen in einen Zeitschacht, auf dessen Grund das Kind in aller Unschuld auf einer Steinstufe sitzt« (10f.). Aber dem berechnenden Gedächtnis, »das nach dem Inselprinzip arbeitet und dessen Auftrag lautet: Vergessen! Verfälschern!« (13), ist schon das Handwerk gelegt. Denn es gibt ja diese veröffentlichten Texte von mir im Original, anfassbare Belege, obwohl, wie ich mir versichere, kein Mensch sie mehr erinnern wird. […]

Inhalt

Einleitung: Die Arbeit des Gedächtnisses
Kapitel 1: Inventar ohne Vorbehalt
1.1 Die missverstandene Emanzipation
1.2 Erschrecken, Scham und Zweifel
1.3 Verteidigung der Frauenbewegung gegen den Feminismus
1.4 Ringen in ungesichertem Gelände
1.5 Zwischenzeiten: Die Jahre bis 1980

Kapitel 2: Arbeitsforschung
2.1 1980 – Krisen
2.2 Zerreißproben
2.3 Neue Begriffe

Kapitel 3: Frauenforschung
3.1 Erinnerungsarbeit
3.2 Frauen – Opfer oder Täter?
3.3 Lehren aus der Diskussion um Opfer/Täter
3.4 Der eurokommunistische Moment
3.5 Bausteine eines feministischen Marxismus

Kapitel 4: Trennungszusammenhänge
4.1 Zum Zusammenhang von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung
4.2 Lehren aus der Zusammenfügung sozialistischer Fragen mit feministischem Wollen
4.3 Experiment einer autonomen Frauenredaktion
4.4 Sozialistinnen und Gewerkschaftspolitik

Kapitel 5: Feministisch-marxistische Alltagsforschung
5.1 Subjektforschung
5.2 Erfahrung und Theorie: Die Langeweile in der Ökonomie und die Farbwerke Hoechst
5.3 Lernschritte

Kapitel 6: Eine neue Frage taucht auf
6.1 Marxismus und Frauenpolitik oder: Was ist feministischer Marxismus?
6.2 Die Langsamkeit von Erkenntnisprozessen
6.3 Internationaler sozialistischer Feminismus

Kapitel 7: Feministische Forschung und Staat
7.1 Forschungsvorhaben ohne Auftrag
7.2 Die Moral ist zweigeschlechtlich wie der Mensch
7.3 Schritte in die Welt

Kapitel 8: Fremd in beiden Welten
8.1 Das Erbe der Französischen Revolution
8.2 1989 – Hoffnung und Enttäuschung
8.3 Knabenspiele und Menschheitsarbeit
8.4 Lernerfahrungen im Gegenwind

Kapitel 9: Heimwärts! Zurück zu Engels und Marx
9.1 Zurück nach Hamburg
9.2 Engels' Problematik der Frauenfrage
9.3 Feministisch arbeiten mit Marx

Kapitel 10: Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse
10.1 Begriffsentwicklung als Maulwurfsarbeit
10.2 Die Produktionsverhältnisse in den Feminismus holen
10.3 Die Produktion des Lebens als doppeltes Verhältnis
10.4 Der Weg des Maulwurfs: Durchquerungen

Kapitel 11: Eingreifen
11.1 Die Vier-in-einem-Perspektive
11.2 Der Herrschaftsknoten

Kapitel 12: Transformation
12.1 Das Experiment
12.2 Bedürfnis nach Theorie
12.3 Die unerlöste Frage
12.4 Radikale Demokratie

Link: Historischer Text 26 Kritiken - PDF (12MB)

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