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Gerhard Schoenberner
FAZIT
Prosagedichte

Literaturbibliothek
Gebunden
ISBN 978-3-88619-488-9 · 17,90 €
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(jederzeit widerrufbar)



Immer wieder
steht der Mensch auf
erhebt sich
wird niedergeschlagen
erhebt sich wieder
Für jeden Toten
tritt ein Lebender
an seine Stelle
Man kann nicht
alle erschießen



»Mir ist keine Literatur in deutscher Sprache bekannt, sei es Gedicht oder Prosa,
die den Gedichten Schoenberners vergleichbar wäre. Vergleichbar in der Härte und Genauigkeit der Mitteilung dessen, was Deutschland im 20. Jahrhundert vollbrachte. Schoenberners Ton wirkt, als könne er nicht anders sein. Die grausamsten Vorgänge erscheinen als das Selbstverständlichste. So ist es geschehen. Es muss nur festgestellt werden. Es ist immer die Sache selbst, die sich ausspricht. Ohne literarische Attitüde.
Und ist doch reine Literatur. Mich erinnert die feierliche Festigkeit Schoenberners an Hölderlin. Gibt es noch einen Dichter, dessen Gedichte so deutlich aus der Geschichte stammen? ›Man kann nicht alle erschießen‹, das bleibt ein Zuruf von einem, der
wacher geblieben ist als wir. Und das aus Gründen, die unsere Geschichte sind.«
Martin Walser in der ZEIT


»Ein politischer Publizist als Lyriker: das lässt das Schlimmste befürchten.
Was mit den Gedichten von Gerhard Schoenberner aber vorliegt, ist das Allerbeste –
perfekt rhythmisierte Protokolle gesellschaftlicher Verwerfungen
wie psychischer Erschütterungen. Ich kann nur gratulieren.«
Fritz J. Raddatz


Aus den Rezensionen:

»Diese Sammlung von Prosagedichten übertrifft alles, was ich von Schoenberner kenne.
Sie haben genau den Ton und die Form gefunden, um den Mitteilungsstil zur Kunst werden
zu lassen. (...) Die Prosagedichte schreiben auf eine bisher nicht bekannte Weise die
Chronik der politischen Ereignisse vom Beginn der Naziherrschaft an, aber so,
dass immer ein Erfahrungs-Ich die Mitteilung beglaubigt.
Fazit ist ein Wurf. Ich wünsche dem Buch viele Leser.«
Prof. Walter Hinck

»Knapper, dichter kann man Geschichte – erlebte, erlittene, ergründete – nicht
weitersagen. Ich kenne keinen anderen Autor unter den lebenden mit so wachem Blick,
so untrüglicher humanistischer Empfindsamkeit wie diesen.«
Eckart Spoo, Ossietzky

»Es sind wunderschöne, unverschlüsselte Gedichte, die sich durch eine klare und
sehr schöne Sprache abheben von vielem, was einem als politische Lyrik angeboten wird.
Hier spricht ein Mensch. Ein absolut zu empfehlendes Buch.«
Matthias Ehlers, WDR

»Ich habe seit Brecht keine Lyrik gelesen, die mir mehr bedeutet hat.«
Walter Kaufmann, Neues Deutschland

»FAZIT ist eine wirkliche Fundgrube; wo man hineinsieht, ist der Band interessant und verlockt zum Weiterlesen, Weiterblättern; er ist eine Chronik der Epoche
in lyrisch verdichteter Gestalt.«
Friedrich Dieckmann




Gerhard Schoenberner (*1931), Berliner Publizist und Schriftsteller der Nachkriegsgeneration, gehört zu den Pionieren einer kritischen Reflexion der NS-Vergangenheit. Er war einer der Ersten, die Ende der fünfziger Jahre gegen viele Widerstände ernst machten mit der von Adorno geforderten Aufarbeitung der Vergangenheit. Am Anfang steht sein Buch Der gelbe Stern (FAZ: »Ein Jahrhundertbuch«), das 1960 erschien, bis heute als Standardwerk gilt und immer wieder als Quelle zitiert wird. Zeugen sagen aus, eine chronologische Montage von Augenzeugenberichten, sowie weitere Bücher und Essays, große Ausstellungen und Filme folgten. Eine 12-teilige Fernsehserie über Ideologie und Propaganda lief in allen Dritten Programmen. Schoenberner war Leiter des Deutschen Kulturzentrums in Tel Aviv, Co-Vorsitzender der »Freunde der deutschen Kinemathek in Berlin«, Gründungsdirektor der Gedenkstätte »Haus der Wannsee-Konferenz« und wissenschaftlicher Berater der »Topographie des Terrors«, Kurator großer filmhistorischer Perspektiven, Vizepräsident des westdeutschen P.E.N.-Zentrums (Writers in Prison-Beauftragter) und Gast zahlreicher ausländischer Universitäten. Er ist Träger des Leo-Eitinger-Preises der Universität Oslo und des BVK I. Klasse. Seine verschiedenen beruflichen und ehrenamtlichen Funktionen sowie vom Goethe-Institut vermittelte Vortragsreisen führten den Autor in alle Welt.

Gerhard Schoenberners Prosagedichte, die er hier erstmals in einer Auswahl vorlegt, zeigen den Essayisten und Publizisten von einer anderen, sehr persönlichen Seite. In ihnen verbinden sich subjektive Lebenserfahrung und politisches Engagement, Kunst und Gewissen. NS-Zeit, Krieg und Nachkrieg sind eigene Kapitel gewidmet. Die Verhältnisse auf der südlichen Halbkugel und die neuen Verfolgungen des freien Worts werden zum Thema. Der zweite Teil des Buches schildert Begegnungen mit fremden wie vertrauten Landschaften. Schließlich ist von der Liebe, von Alter und Tod eindringlich die Rede. Elegisch und satirisch, zornig und heiter oder sachlich registrierend, spricht der Autor zu uns in wechselnden Tonlagen. Poetische Impressionen, Liebeserklärungen an Menschen und Städte, Erinnerungen an die Schrecken der Vergangenheit und nüchterne Protokolle gegenwärtiger Konflikte und Zustände stehen gleichberechtigt nebeneinander.




LOB DER VERÄNDERUNG

Tag und Nacht
Sommer und Winter
haben ihr Gesetz
und ihre Schönheit
Schöner noch sind
die Übergänge, die Zeiten
des Wechsels, der Veränderung
des Lichts, der Jahreszeiten
Und der Verhältnisse
Das Versprechen des frühen Morgens
die Süße des Frühlings
und der beginnenden Liebe
Die Abenddämmerung
das Abschiedslicht des Herbstes
letztes Aufleuchten
bevor die Dunkelheit kommt
Der Augenblick des Verlöschens
die Auflösung des Bestehenden
vor der Ankunft des Neuen
Nie eingelöste Hoffnung

Für Volker Braun




NICHTS GEHT VERLOREN

In der Schule lernten wir
dass Wärme und Energie
nicht verloren gehen. Der Lehrer
hat uns nicht belogen. Es ist
ein physikalisches Gesetz
und ein philosophisches
Jede brüderliche Geste, jedes Lächeln
bleibt in der Welt

Lotte in Paris, die das Kind
der Exilierten aufnahm
und dem Studenten aus Deutschland
heimlich Geld zusteckte, lebt weiter
in der Erinnerung der Beschenkten
Und weiter lebt ihre Freundlichkeit
weitergereicht an andere
die sie nicht kannten

Nicht nur empfangene Schläge werden
weitergegeben durch Generationen
von den Eltern an die Kinder
vom Schwachen an den noch Schwächeren
Auch Liebe und Freundschaft
verführen zur Nachahmung
Nichts ist vergeblich, nichts geht verloren
Kein Lächeln, kein Händedruck, keine Umarmung
Auch die guten Taten, zum Glück
pflanzen sich fort

Von Gerhard Schoenberner ebenfall erschienen:
Der gelbe Stern
Nachlese – Texte zu Politik und Kultur

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