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4. Auflage mit neuem Cover

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zum Nachwort der Autorin
Adriana Stern
Hannah und die Anderen
roman ariadne 4009
· ISBN 3-88619-993-2
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(widerrufbar)
Hannah reißt aus ...

... im Fluchtgepäck ein Tagebuch voller Erlebnisse, Geschichten und Namen, die ihr Angst machen und sie verwirren. Warum musste sie von zu Hause weg? Und wer sind diese Anderen, die behaupten, zu ihr zu gehören? Es ist nicht das erste Mal, dass Hannah Dinge tut, die sie nicht versteht, böse Ahnungen hat, die durch nichts begründet scheinen, und Vorwürfe erhebt, die andere in Teufels Küche bringen …

Hautnah und spannend wie ein Krimi erzählt Adriana Stern die Geschichte eines multiplen Mädchens.

»Packend geschildert und bis zum Schluss faszinierend liegt hier ein Roman vor, der dem Leser ganz neue Einblicke verschaffen wird.« krimi-forum

»Adriana Sterns Roman beginnt so rasant, dass er den Geschichten von Joy Fielding Konkurrenz machen könnte. Doch er ist weniger Krimi als ein Psychothriller rund um die Vergangenheit und Gegenwart eines jungen Mädchens mit einer besonderen Persönlichkeitsstörung.« Literaturportal

»Das Thema Multiple Persönlichkeitsstörung in einem Roman angemessen und doch unterhaltsam zu behandeln, verlangt große Einfühlsamkeit und Fachkenntnis. Es gibt bisher nur einen Roman, dem das gelungen ist, Adriana Sterns Hannah und die Anderen.« Literaturkritik.de



Leseprobe

t

1. Kapitel, in dem Hannah durch die Straßen irrt
und jemanden mit merkwürdigen Meinungen kennenlernt

Sie sah auf die Telefonnummer, die sie mit kalten, klammen Fingern in ihren Händen hielt.
Sie zitterte am ganzen Körper. Vor Kälte? Oder aus Angst? Sie wusste es nicht. Verzweifelt wühlte sie in ihrem Kopf nach einem Sinn, weshalb sie jetzt hier in der Telefonzelle stand, um diese Nummer zu wählen.
Für einen Augenblick sprangen ihre Gedanken heraus aus der Enge der Zelle. Bilder vom Pausenhof ihrer Schule tauchten vor ihr auf. Wie sie dort saß – auf dem Holzrand des Sandkastens in der hinteren Ecke des Schulhofs – und die stellvertretende Klassenlehrerin, gleichzeitig Vertrauenslehrerin der Schule, vor ihr stand und auf sie herabsah.
Sie erinnerte sich noch genau an ihre Panik, während sie versuchte, nach außen ganz ruhig und gefasst zu wirken. Immer wieder die gleichen panischen Versuche einzuordnen, wie sie in eine bestimmte Situation geraten war. Immer wieder die gleichen Fragen, über die sie sich den Kopf zerbrach.
Was um Himmels willen ist geschehen?
»Hannelore, vielleicht möchtest du ein paar Broschüren mitnehmen?« Ein auffordernder Blick – vielleicht war er auch ermutigend gemeint – traf Hannah, und gegen die innere, ihr schon vertraute wilde Verzweiflung ankämpfend sah sie der Lehrerin voll ins Gesicht.
»Wirklich, Frau Liesban. Es ist nichts. Es ist … es ist alles in Ordnung. Ich … ich komme ganz gut klar. Ehrlich. Es besteht bestimmt kein Grund zur Besorgnis.«
Trotzdem hatte Hannah dann einen Stapel Broschüren in ihrem Rucksack verstaut. Wohl eher, damit Frau Liesban sie mit weiteren Fragen verschonte, auf die Hannah sowieso keine Antwort gewusst hätte.
Zu Hause hatte sie die Telefonnummern mehrerer Mädchenhäuser auf einen Zettel geschrieben und den Zettel in ihrem Portemonnaie verstaut. Vorsichtshalber, hatte sie gedacht, ein wenig erstaunt über ihr Handeln zwar, aber na ja. Sie verstand halt nicht immer, was sie tat und warum.
Und hier stand sie nun. In irgendeiner Telefonzelle, hundertfünfzig Kilometer von zu Hause entfernt. Mit dem Rest des Zettels in der Hand, auf dem nur noch die Nummer des Mädchenhauses dieser Stadt übrig geblieben war. Die anderen Nummern hatte sie abgerissen und in einem Gully versenkt.
Sie sah sich die Nummer an. Eine einfache, eine völlig harmlose Telefonnummer. Trotzdem spürte sie ihren Puls rasen wie nach einem Tausend-Meter-Lauf.
Oh Gott, was tue ich hier nur? Verzweifelt sah sie durch das regennasse Zellenglas in das unergründliche Dunkel draußen.
Die kennen mich doch gar nicht. Die werden mich einfach für verrückt erklären.
»Du willst doch immer nur im Mittelpunkt stehen. Hör auf, dir ständig diese abgedrehten Geschichten auszudenken und damit alle Leute verrückt zu machen, die mit Sicherheit Besseres zu tun haben, als sich mit deinen Hirngespinsten zu befassen«, hörte sie die warnende Stimme der Mutter in ihrem Kopf und ließ mutlos die Hand mit dem Hörer sinken.
Wer weiß, vielleicht hatte die Mutter ja Recht. Was konnte sie, Hannah, denen vom Mädchenhaus schon erzählen? Ja, was eigentlich? Erneut stieg Panik in ihr auf, und ein abgrundtiefes Gefühl von Sinnlosigkeit sprang sie aus dem Dunkel der Großstadt an.
»Trotzdem. Ich kann nicht zurück. Ich habe keine andere Wahl«, sprach sie sich selbst Mut zu. »Ich muss es einfach tun. Ich muss. Seit Tagen denke ich an nichts anderes mehr. Schließlich bin ich doch abgehauen von zu Hause! Ich habe es doch tagelang geplant. Nachdem …« Hannah schrie erschrocken auf.
Nein, nein, ich will das gar nicht wissen. Nein, ich … ich kann das nicht. Ich will das nicht. »Verdammt, Hannah, jetzt reiß dich endlich zusammen«, sagte sie schließlich wütend.
Sie nahm den Telefonhörer wieder fest in die Hand. Hielt ihn an ihr Ohr. Sah sich die Nummer auf dem zerrissenen Zettel an und wählte sie langsam und konzentriert Ziffer für Ziffer.
Sie hörte das Klingelzeichen. Einmal, zweimal – es würde niemand rangehen, es würde niemand da sein. Immer war es so. Niemand erreichbar…
Sie hörte, wie der Anrufbeantworter sich einschaltete und eine Frauenstimme sagte: »Hallo. Du bist verbunden mit dem Notruf für Mädchen. Im Moment können wir leider nicht ans Telefon gehen. Du kannst es in einer halben Stunde noch einmal versuchen. Nach dem Signalton besteht auch die Möglichkeit, eine Nachricht zu hinterlassen. Wir rufen zurück, sobald der AB abgehört wird.«
Sie hörte die Pause, dann den Signalton, dann nichts mehr.
Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Sie hatte plötzlich wieder Angst vor ihrer eigenen Stimme. Auch das kannte sie schon. Diese Angst, die Kontrolle zu verlieren…
Sie sah den Regen draußen an der Scheibe hinunterlaufen. Sie hörte das Schlagen der Elternhaustür in ihrem Kopf. Wie einen Pistolenschuss. Dann Leere.
Ich muss etwas sagen, dachte sie verzweifelt. Das Band würde zu Ende sein, bevor sie etwas gesagt hätte. Und dann? Sie würde die Nummer verlieren. Sie wusste, sie konnte nicht mehr nach Hause zurück. Es war unmöglich. Unmöglich.
»Hallo«, hörte sie sich sagen und erschrak tatsächlich vor ihrer Stimme. »Ich brauche Hilfe, ich weiß nicht, wohin, ich … man kann mich nicht anrufen. Ich bin in einer Telefonzelle, ich habe keine Uhr. Eine halbe Stunde, ich weiß nicht, wie lange das ist. Ich habe kein Geld, ich weiß nicht …«
Das Band brach ab und sie ließ den Hörer fallen. Ihr wurde schwarz vor Augen und die Umgebung verschwamm mehr und mehr vor ihrem Blick. Sie taumelte innerlich zurück. Immer weiter und weiter und weiter.

Etwas benommen versuchte ein Junge, sich zu orientieren.
Aha, kombinierte er. Telefonzelle! Großstadt! Sehr gut!
Er sah den Hörer am Kabel gleichmäßig hin und her schwingen. Ein Telefongespräch hatte wohl nicht stattgefunden, sonst stünde er nicht hier.
Und jetzt? Würden sie Hannah zu Hause schon vermissen? Würden sie bereits nach ihr suchen?
Er lachte. Arschlöcher, alle, dachte er und gab der Telefonzellentür einen heftigen Tritt. Dann eben nicht. Ich komm auch ohne die klar. Sozialarbeiter! Lächerlich.
Der Regen hatte etwas nachgelassen und er versuchte herauszufinden, wo genau er inzwischen gelandet war.
Gut hat sie das hinbekommen mit dem Abhauen, dachte John zufrieden und warf noch einen letzten Blick zurück auf die Telefonzelle, bevor er sich zum Gehen wandte. Und sie ist tatsächlich hier angekommen. Geil! Dann kann das Abenteuer Großstadt ja beginnen.
In dieser Stadt war er nur einmal gewesen, während einer Schülerdemo gegen irgendetwas, woran er sich nicht mehr erinnern konnte.
Lehrer, dachte er verächtlich. Als hätten die mir jemals etwas beibringen können. Jedenfalls nicht auf meiner Schule…
Er sah einen Polizeiwagen an der nächsten Straßenecke und dachte: Scheiße, Scheiße, die suchen mich bestimmt schon überall!
Er warf kurz einen Blick in alle Richtungen und lief los. Er bog zweimal rechts, einige Male links ab. Er lief immer weiter, ohne ein klares Ziel vor Augen. Er ließ sich einfach von seiner Intuition leiten. Irgendwann würde schon irgendetwas passieren. Das war bisher nie anders gewesen. Er musste nur lange genug weitergehen und nicht aufgeben.
Diese Stadt ist so groß, dass sie mich nicht finden werden. Der Gedanke erfüllte ihn mit Zuversicht. Die Gegend gefiel ihm. Alte, hell und gemütlich beleuchtete Häuser. Junge Leute mit Kindern auf den Bürgersteigen. Ein nettes kleines Café an der Straßenecke. Ein Trödelladen neben einem Antiquariat. Ein Bäcker gegenüber auf der anderen Straßenseite.
Hier ist es gut, dachte John. Ab hier kann Hannah weitermachen. Er ließ seinen Blick noch einmal durch die Straße wandern und schloss dann die Augen.

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Nachwort der Autorin

Liebe Leserin, lieber Leser,

Hannah und die Anderen haben in diesem Buch angefangen, ihr eigenes Leben aufzubauen und sie haben viele Menschen getroffen, die ihnen glaubten und auf ihrer Seite waren. Janne, Noa, Nuray, die Frauen und die anderen Mädchen im Projekt. Und Hannah hat Freundinnen gefunden, die auch multipel sind.

Über multiple Kinder, Jugendliche und Erwachsene wird nicht sehr viel berichtet. Auch deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Denn wenn du dir vorstellst, dass an deiner Schule von einhundert Schülern ein Schüler oder eine Schülerin multipel ist, dann sind das auf eine Kleinstadt wie Oldenburg (mit 160.000 Einwohnern) umgerechnet schon 1.600 Menschen. Und in einer großen Stadt wie Berlin, in der etwa 3,5 Millionen Menschen leben, sind es dann 35.000 Menschen. Als ich das hörte, fand ich die Zahl so hoch, dass ich unbedingt ein Buch darüber schreiben wollte.

Ich habe auch gelesen, dass sehr viel mehr Mädchen als Jungen multipel werden. Mein Buch richtet sich an Mädchen und Frauen, Jungen und Männer, auch wenn Hannah ein Mädchen ist (allerdings mit vielen Jungen, die in ihr wohnen) und mehr Frauen und Mädchen als Jungen und Männer in diesem Buch vorkommen.

Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland Menschen, die sich für multiple Kinder und Erwachsene engagieren. Ich habe sie angerufen und gefragt, ob ich ihre Telefonnummern in dieses Nachwort aufnehmen kann, falls du Fragen hast, Informationen möchtest, jemanden kennst, der multipel ist, oder selbst multipel bist und Hilfe brauchst.

Trau dich, bei diesen Stellen anzurufen oder an die Adressen zu schreiben. Und gib nicht auf, wenn es nicht sofort klappt, wie es Hannah im ersten Kapitel erlebt hat. Die Frauen – in einigen Projekten auch Männer – können dich vielleicht nicht immer sofort zurückrufen oder dir nicht sofort schreiben, weil so viele Mädchen und Jungen, Frauen und Männer Hilfe brauchen. Aber von allen Adressen weiß ich, dass sie dir auf jeden Fall antworten werden.

Wenn auf meiner Liste keine Adresse oder Telefonnummer in deiner Stadt dabei ist, kannst du im Telefonbuch nachsehen und einen Kindernotruf, ein Mädchenhaus, ein Frauenkrisentelefon, eine Jugendschutzstelle, eine Wildwasser-Einrichtung anrufen, die es in jeder größeren Stadt gibt, und sie bitten, dir zu helfen. Du kannst auch bei einer der nachfolgenden Telefonnummern anrufen und dort fragen, welches Projekt es in deiner Nähe gibt, das dir helfen kann. Die Stellen kennen die Projekte in den anderen Städten, und sie alle arbeiten in einem Netzwerk zusammen. Sie werden dir weiterhelfen.

Hannah und die Anderen ist im April 2001 erschienen. Wenn sich eine Telefonnummmer in dieser Liste geändert hat, kannst du die neue Telefonnummer bei der Auskunft erfahren.

Ich würde mich sehr freuen zu erfahren, wie dir das Buch gefallen hat. Über den Argument Verlag kannst du mir deine Gedanken und deine Meinung schreiben.

Adriana Stern
c/o Argument Verlag
Glashüttenstr. 28
20357 Hamburg

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