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Sarah Schulman
Schimmer
roman ariadne 4003
ISBN 3-88619-477-9
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)
Jazz und Neon

Manhattan 1948. – Politik sickert in die Beziehungen und Begegnungen der Leute, durchdringt die knoblauchdunstenden Gassen Little Italys, den Times Square mit seinen gleißenden Leuchtreklamen, den plüschgedämpft zur Schau gestellten Luxus des Stork Club: Es ist die McCarthy-Ära in New York City.

Sylvia Golubowski hat beschlossen, Reporterin zu werden. Im ersten Anlauf bringt sie es zu einem Job im Stenotypistinnenpool des Boulevardblatts New York Star. Die meisten Mädels hier haben zweierlei im Sinn: Männer und den Schreibtischstuhl vor ihnen – denn Karriere machen heißt hier einen Tisch weiter rücken. Doch Sylvia Golubowski geht andere Wege ...

Austin Van Cleeve vollzieht seinen unaufhaltsamen Aufstieg beim Konkurrenzblatt. Gekonnt versprüht er sein Gift als Klatschkolumnist. Selbstredend auch so, dass der Weg zur Macht frei wird. Ein Mann, der weiß, was er will, und den Scharfblick besitzt, um es ganz sicher zu bekommen.

Cal Byfield hat einen Universitätsabschluss und schwenkt die Pfanne in einem Hamburgerlokal. Er tut es für seine Vision: ein Negroe-Theater am Broadway ...

Sarah Schulman erweckt das Amerika der Nachkriegszeit zum Leben und seziert es – distanzlos und weise, zärtlich und unversöhnlich, mit dem Blick einer Historikerin und der Sprache einer Dichterin.

Leseprobe

KAPITEL EINS

Sylvia Golubowsky

1

Sonst neige ich ja zur Verhärtung. Aber es tut mir doch noch weh, dass wieder eine liebe alte Freundin gestorben ist. Man wird ihr doppeltes Gewicht an Laub wegfegen müssen, um dieses Fleckchen Erde freizulegen. Bei diesem Begräbnis werden keine Autotüren zuknallen. Die gebrechlichen Trauergäste haben gerade noch die Kraft, die Gangschaltung zu bedienen. Ihre rostigen Türen verlassen sich heute beim Zufallen allein auf das Glück und die Schwerkraft. Kleine alte Frauen, leicht zu übersehen. Die Münder fest verschlossen. Sie werden dastehen und frieren, bis es schon gefährlich wird. So viele Gefahren von so vielen kleinen Orten her. Dann werden sie sich wieder in die Autos falten.
Die Vergangenheit, die ich mit der, die jetzt tot ist, geteilt habe, hat die Falschheit der christlichen Ethik bewiesen. Am Ende siegt nicht das Gute. Das Leiden macht dich nicht besser. Es gibt keinen göttlichen Plan, der die Schmerzen rechtfertigt. Das weiß ich, weil ich schon lang genug lebe, um mit angesehen zu haben, wie sich die größten Schweine zu Ruhm und Erfolg aufschwingen. Im Fernsehen sehe ich sie nacheinander jede Auszeichnung gewinnen. Sie wurden nie zur Verantwortung gezogen. Die Ehrenhaften? Sie sind nicht zu ihrem Recht gekommen. Sie sind dahingegangen, ohne eine Lösung. Jetzt bin ich alt und glaube immer noch an das, was ich mit fünfundzwanzig wusste. Persönlichkeiten wie wir schlitzen sich die Kehle auf, weil sie müssen. Wir können nichts dagegen tun, es geht uns um etwas, das größer ist als wir selbst. Aber machen Sie bloß keine Anstalten, sich die Kehle aufzuschlitzen, wenn Sie kein Blut sehen können. Ehre ist unheilbar.
Die jungen Leute, die ich unterrichte, fragen mich nie nach dieser Zeit. Würden sie fragen, dann hätte ich eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel, dass es das Geheimrezept für die Atombombe nicht gibt. Um eine Atombombe herzustellen, sind Tausende von Bänden an Informationen nötig. Es gibt keine geheime Zutat, kein »einfach Wasser dazu, umrühren, fertig«. Die Formel lässt sich nicht auf eine Packung Puddingpulver kritzeln. Julius und Ethel Rosenberg wurden 1953 von der US-Regierung ermordet für eine Straftat, die sie unmöglich hätten begehen können. Diese Tatsache steht sinnbildlich für meine ganze Generation. Die Rosenbergs waren Leute aus der Arbeiterklasse, und ich habe schon immer geglaubt, dass sie nur das Beste für ihr Land wollten. Sie wollten ein Amerika, in dem es gerecht zugeht. Warum sollen die Reichen alles bekommen? Und als Letztes will ich noch sagen, dass es in der gesamten Weltgeschichte genau ein Land gibt, das eine Atombombe gegen Menschen eingesetzt hat. Dieses Land heißt die Vereinigten Staaten von Amerika. Welche brillante sowjetische Wissenschaftlerin es auch gewesen sein mag, die herausfand, wie man Atombomben baut, sie hat der Welt einen großen Dienst erwiesen. Sie hat ein Kräftegleichgewicht geschaffen, und seitdem sind nie wieder Atomwaffen eingesetzt worden. Stellen Sie sich vor, die Welt wäre den USA wehrlos ausgeliefert und die USA könnten Atomwaffen abfeuern, wann immer es ihnen passt.
Meine Studentinnen und Studenten sprechen das Thema nie an. Sie sind zu jung, sie wissen nicht einmal, dass da überhaupt etwas war. Man hat sie beschwatzt, nur noch an sich selbst zu denken. So viel Habgier, wann war das je normal? Die jungen Leute tun mir Leid. Was würde ich raten? Harrt aus. Gegen die Geschichte kommt ihr nicht an, aber wenn ihr jung genug seid, versucht, den historischen Moment abzuwarten. Doch, alles vergeht einmal, aber leider auch ihr. Und darum muss jedes von uns versuchen, neben dem Veränderungsprozess herzuhetzen, so schnell wir können, ohne dabei unter die Räder zu kommen. Es ist eine Ironie der Geschichte, aber die Menschen, die den Wandel herbeiführen, sind nicht die, denen er zugute kommt. Diese bittere Pille schluckt sich nicht leicht.
Hier, wo wir leben, gibt es manchmal Tage, an denen es bis Mitternacht hell bleibt und die volle Dunkelheit erst um vier erreicht ist. Der Morgen dagegen ist klar und durchsichtig. In dieser Stadt gibt es das Obst noch nicht in fluoreszierende Plastikbehälter eingeschweißt, jeder Apfel ganz grün oder ganz rot. Plainfield, Vermont, hat einen wohltuenden Fluss, der mitten durch die Stadt fließt. Einen Lebensmittelladen, einen guten Buchladen, einen Haushaltswarenladen und vier Kirchen. In Vermont haben die Leute einen erlesenen Geschmack. Als ich jung war, dachte ich, ich würde nie aus New York wegziehen, aber es kam der Tag, da konnte ich es nicht mehr ertragen, dass ich alle kannte. All die widerwärtigen Menschen, denen ich auf der Straße begegnete und von denen ich genau wusste, was sie getan hatten. Verziehen hätte ich ihnen nie, und es war ihre Welt, also musste ich gehen. Ich bin alt, aber ich arbeite immer noch, und das nicht nur zum Spaß. Agnes sagt, ich soll mir Ruhe gönnen.
»Bezahl im Laden doch mit der MasterCard«, sagt sie. »Sollen die erst mal versuchen, das Geld einzutreiben.«
Aber das Geldverdienen ist mir wichtig, und ich unterrichte gern. Man kann dadurch die Welt verändern, Mensch für Mensch. Allein dadurch, dass man einer Person ein sehr gutes Buch zeigt, kann man viel bewirken. Ich weiß, dass das Maß dieser Wirkung trügerisch ist, es lässt sich nicht aufaddieren. Aber im konkreten Fall lohnt sich die Mühe. Und die, an die ich mich eben erinnert habe, die Ehrenhaften? Jede von denen dachte, sie könne es ihnen zumindest einmal heimzahlen. Aber wie soll man das schlechte Gewissen einer ganzen Nation rächen? Sie lassen dich nur dann überleben, wenn sie eine Ausnahme von der Regel brauchen, die ihre Macht beweist. Mit anderen Worten, wenn sie dich gestern gehasst haben, dich aber morgen brauchen können, dann werden sie dich lieben. Wahrheit ist etwas ganz anderes. Kann, wer arm und zurückgezogen lebt, eine Autorität sein? Diese Frage liegt den jungen Leuten ständig auf der Zunge. Ich sehe, wie sie ihnen spöttisch in den Augen steht. Gott sei Dank sind sie zu gut erzogen.
Ich muss in den Ruhestand treten. Das liegt auf der Hand. Diese neuen faschistischen, geldgeilen College-Verwalter sind hinter mir her, ich spüre ihren Atem schon im Nacken. Sie wollen mich weghaben. Bis es so weit ist, werde ich weiterhin Studentinnen und Studenten zu uns nach Hause einladen und sie scharf machen – nicht auf Sex mit der alten Professorin G., sondern darauf, in meinen Bücherregalen zu schwelgen. Meine Bücher. Alle von mir. Ausgaben auf Japanisch, auf Griechisch, von Buchclubs, gebundene und Taschenbuchausgaben. Wie war es möglich, dass jemand so viele Bücher geschrieben hatte und immer noch nicht davon leben konnte? Immer noch so unbekannt war? Meine Studentinnen starren auf das goldene Kalb, das geduldig mitten im Raum hockt und die Verzweiflung und Enttäuschung beschattet. Das Herzstück meines Lebens. Ich will sie gar nicht anfassen. Ich will ihnen nur meine Bücher zeigen, nun, da ich vom Aussterben bedroht bin, wenn es denn stimmt, dass die Existenz von der Anerkennung anderer abhängt, und es stimmt.
Es gibt zur Zeit nur eine schmeichlerische, verführerische Studentin, die mir Sorgen macht. Mary Louise Prelinger. Sie bringt es fertig, bei jedem Anlass ihre Genitalien zu erwähnen. Sie ist zwanzig, und das Einzige, was ich unwiderstehlich attraktiv finde, fehlt ihr völlig – der historische Blick. Selbst wenn sie mir den Einkauf im Laden bezahlte, würde ich ihr nicht die Stiefel küssen. Und das will sie, ich weiß es. Schlägt im Unterricht die Beine übereinander und schwenkt sie vor unserer Nase. Immer frisch eingeölt. Die Stiefel. Sie ist schon in Hotpants zum Unterricht gekommen und hat ihre nagelneue Tätowierung zur Schau gestellt. Hat so wunderschöne Beine und lässt sich tätowieren. Ich bin so froh, diese Stelle bekommen zu haben. Es gibt Tausende, die glauben, wenn du diese Linie überschritten hast, bist du in Sicherheit. Wenn du nur einen Arbeitsplatz hast. Sie ist zu jung, um sexy zu sein. Sie hat von nichts eine Ahnung.
Als heute Morgen die Beerdigung meiner lieben Freundin anfing, war ich voller Schuldgefühle immer noch bei der Arbeit. Heute haben wir im Unterricht trotz meiner Einwände im Kreis gesessen. Ich habe es lieber auf die altmodische Art. Die sokratische Methode. Sie sollen wissen, wer der Boss ist. Sie lümmeln sich auf Plastikstühlen und balancieren Schreibhefte auf ihrem Schoß. Sie bilden sich ein, sie lernten schreiben. Sie wissen nicht, dass ihr Unterricht nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Autorinnen und Autoren ist. Zuerst hatten wir WPA, dann NEA – erst die Beschäftigungsbehörde im New Deal, dann die Nationale Kunststiftung. Jetzt gibt es nur noch MFA, den Masterstudiengang Kunst. Wovon würden wir leben, wenn wir sie nicht hätten? Das Ganze ist eine Beleidigung für mich. Wer wirklich schreiben will, lernt das nicht auf der Universität. Wahllos nehmen sie sich Bücher aus den Regalen, eine Kakophonie von Einflüssen. Ich versuche, sie zu Büchern hinzulenken, die sie in eine selbstmörderische Stimmung versetzen, sie ein besseres Leben fordern lassen. Wenn sie mit allem zufrieden sind, habe ich meine Aufgabe nicht erfüllt. Ja, ich weiß, ich bin eine Heuchlerin. Auf nichts von alledem kommt es an, denn sie sind schon verdammt. Von der Geschichte. Auch sie wurden zur falschen Zeit geboren. Eines Tages wird jedes dieser Kinder dafür beten, in ein neonbeleuchtetes Büro gesteckt zu werden. Sie werden Texte verarbeiten, ganz gleich, was drinsteht. Sie sehen, in der heutigen Ökonomie wird nicht einmal das Hervorragende belohnt.

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Autorin/Bibliografie

Die New Yorker Schriftstellerin Sarah Schulman hat sich als moderne Literatin und Gegenwartskritikerin einen Namen gemacht. Sie ist auch als Bühnenautorin und Journalistin tätig, engagierte sich bei ACT-UP in der Politik um HIV und Aids und war Mitgründerin der radikalen Aktionsgruppe Lesbian Avengers. Sarah Schulman hat sich mit ihren politisch wie literarisch Neuland betretenden Romanen ein eigenes Publikum erobert. Ihre Gesamtauflage bei Ariadne beträgt 35.000 Exemplare.

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