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Katherine V. Forrest
Vollrausch
Ariadne Krimi 1155
ISBN 3-88619-885-5
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)

Kate Delafield ist zurück!

In einem Mordprozess wird Detective Kate Delafield als leitende Ermittlerin in den Zeugenstand gerufen. Alles deutet darauf hin, dass Douglas Talbot seine Exfrau umgebracht hat. Die Scheidung, die Victoria Talbot einreichte, weil sie seine alkoholisierten Gewaltexzesse nicht länger hinnehmen wollte, hat er nie akzeptiert. Doch der Angeklagte hat einen Star-Anwalt engagiert, der während der Gerichtsverhandlung die ohnehin dünne Beweislast höchst geschickt in Zweifel zu ziehen versteht. – Derweil gerät Detective Delafield selbst immer tiefer in die selbstbetrügerische Falle ihrer feierabendlichen Trinkgewohnheiten …

»Was den Roman zum besten Kate-Delafield-Krimi bisher macht, ist zum einen diese sehr persönliche Auseinandersetzung Kates mit sich selbst. Zum anderen verknüpft Autorin Katherine V. Forrest sehr kunstvoll das Geschehen im Gerichtssaal mit Rückblenden auf die Arbeit am Tatort – und präsentiert noch dazu ein überraschendes, aber schlüssiges Ende.« Lespress, April 2005



Leseprobe

1. Kapitel

In einem Saal im dritten Stock des Justizgebäudes von Downtown Los Angeles befahl Richter Jackson Terrell: »Rufen Sie Ihren nächsten Zeugen auf.«

»Die Anklage ruft Detective Kate Delafield in den Zeugenstand«, antwortete Alicia Marquez, die Vertreterin der Anklage.

Der Gerichtsdiener hielt ihr das Tor auf, und Kate betrat den Innenbereich, wo eine rundliche blonde Schriftführerin sie zügig vereidigte. Dann trat Kate in den Zeugenstand und ließ sich auf dem schmucklosen Lederstuhl nieder. Nachdem sie vorschriftgemäß ihren Namen angegeben und buchstabiert hatte, stellte sie ihre Umhängetasche ab, strich sich das Jackett glatt, legte ihre Mappe mit den Notizen auf die Balustrade und justierte das Mikrophon.

Sie setzte eine betont höfliche Miene auf und blickte Richter Jackson Terrell in die Augen, während dieser ausdruckslos über seine randlose Brille linste. Der Richter war Afroamerikaner, hatte ein schmales Gesicht und herrschte mit eiserner Faust über seinen Gerichtssaal, was ihm den Ruf von gewissenhafter, humorloser Kompetenz eingebracht hatte. Kate warf den Geschworenen einen flüchtigen, nichts sagenden Blick zu. Sie war darauf bedacht, den Eindruck zu vermeiden, sie wolle sich bei ihnen einschmeicheln. Wie üblich unterschieden sich die Geschworenen hinsichtlich Geschlecht, Alter und ethnischer Herkunft, jedoch zeugte ihre Kleidung von einem relativ hohen Durchschnittseinkommen. Das war eher ungewöhnlich, da die Krise der amerikanischen Wirtschaft inzwischen auch die Chefetagen erreicht hatte. Die Geschworenen musterten Kate ungeniert, was ihr gutes Recht war. Sie spürte ihre stechenden Blicke, ohne hinzusehen.

Kate war angespannt, nicht so sehr wegen Aimee, die weder zurück nach Hause gekommen war, noch angerufen hatte. Es blieb ihr sowieso nichts anderes übrig, als sich dieser Sorge später zu widmen. Obwohl sie häufig als Zeugin aussagte, hatte sie die Ehrfurcht vor dem Gericht nie verloren. Genauso wenig wie die Hochachtung vor dem Richter in seiner schwarzen Robe und den uniformierten Gerichtsdienern, der düsteren Feierlichkeit des Verfahrens, der kargen Eleganz der hölzernen Wände, Tische und Bänke und dem kalifornischen Wappen an der Wand über dem Richterpult, zwischen der Bundes- und der Staatsflagge. Mut machte ihr nur die Gewissheit, dass sie nach zahllosen Auftritten vor Gericht gelernt hatte, wie sie sich am besten präsentierte. Wie sie den Eindruck selbstsicherer Gelassenheit, Kompetenz und Glaubwürdigkeit erweckte, nicht nur gegenüber den Geschworenen, sondern, ebenso wichtig, auch gegenüber den Richtern, Anwälten, Schriftführern und Gerichtsdienern.

Wenn sie vor Gericht auftrat, legte sie sehr viel Wert auf ihr Äußeres und entschied sich meist für schlichte schwarze oder dunkelblaue Jacketts und Anzughosen, kombiniert mit einem schlichten Shirt oder einem Rollkragenpulli; kein Hemd, dessen Kragen sie zurechtzupfen musste, keine Armbanduhr, auf die sie einen unwillkürlichen Blick werfen konnte, als Zeichen von Ungeduld oder Angst, kein Schmuck, an dem sie herumfummeln konnte, was als Nervosität interpretiert werden würde. Lange schon hatte sie es aufgegeben, ihr Haar bändigen zu wollen. Es war inzwischen nicht mehr dunkel, sondern hellgrau, ließ sich aber keinen Deut besser kämmen. Also bürstete sie es morgens nur kurz und ließ es ansonsten so, wie es gerade fiel. Ab und zu strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, aber nur ganz selten fuhr sie sich mit den Fingern durchs Haar, wie Aimee es ständig tat. Im Zeugenstand vermied sie jede überflüssige Bewegung und unterwarf ihre Mimik und Gestik einer strengen Kontrolle, um den anderen Zeugen, dem Angeklagten, den Verteidigern und Geschworenen so wenig wie möglich über ihren Gefühlszustand zu verraten.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit der Staatsanwältin Alicia Marquez zu, die neben dem Rednerpult stand und gemächlich ihre Notizen ordnete. Drei gelbe Spiralblöcke waren mit unzähligen Post-it-Zetteln in allen möglichen Farben übersät, die oben und unten und seitlich überstanden, zudem waren mehrere weiße Blätter zwischen die Seiten des Blocks geschoben. Kate fand ihre organisatorischen Gewohnheiten alles andere als beeindruckend. Und hatte ernste Bedenken, was ihre Fähigkeiten anging.

Dennoch machte Marquez einen guten Eindruck; sie hatte eine sportliche Figur, lebhafte dunkle Augen, volle Lippen und war eher konservativ gekleidet. Heute trug sie ein dunkelbraunes Kostüm, eine beige Seidenbluse und Schuhe mit Keilabsatz. Kate vermutete, dass ein beträchtlicher Teil von Marquez’ Einkommen dafür draufging, ihre schicke Frisur zu finanzieren. Ihre Haare schimmerten tiefbraun wie Eschenholz und umrahmten, schlicht gescheitelt, ihre goldbraune Haut in einer sanften Welle.

In einer Stadt, in der der Einfluss der hispanischen Gemeinschaft immer größer wurde, konnte sie sich als Latina der fünften Generation ihrer Karriere gewiss sein. Man tuschelte, sie habe länger als üblich dafür gebraucht, zur Verantwortlichen für Drogenmorde und Kapitalverbrechen befördert zu werden, und ihre Erfolgsrate als Klägerin war lediglich durchschnittlich. Dies war ihr erster großer Fall, und er kam einem Durchbruch gleich, da der Prozess immerhin eine gewisse Resonanz haben würde– was bedeutete, dass er es wahrscheinlich auf Seite drei des kalifornischen Teils der L.A. Times schaffte. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft war der Verteidiger kein ernst zu nehmender Gegner, und die Ermittlungsergebnisse und Vorarbeiten für den Prozess waren gut dokumentiert. Zudem mussten die Anklagevertreter mit Kate als Ermittlungsleiterin keine bösen Überraschungen befürchten, wie unvorhergesehene Enthüllungen mitten in der Verhandlung.

Obwohl sie sich bei den Arbeitstreffen mit Marquez bemüht hatte, eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit zu schaffen, wurde Kate irgendwie nicht richtig warm mit ihr. Sie wusste, dass Marquez geschieden war, zwei Söhne im Teenager-Alter hatte und ihre relativ erfolgreiche Karriere harter Arbeit und unermüdlicher Entschlossenheit verdankte. Kate bewunderte ihr seriöses Auftreten, ihren Ehrgeiz und Einsatz. Aber hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, ihr fehle es an Fantasie und taktischem Gespür– eindeutige Defizite in einem Mordfall.

Noch vor Verhandlungsbeginn hatten sich Kates Befürchtungen hinsichtlich Marquez’ Fähigkeiten bestätigt. Vor drei Wochen hatte Gregory Quantrill, ein renommierter Anwalt, der sich inzwischen landesweit einen Namen machte, den ursprünglichen Verteidiger abgelöst. Quantrill hatte keine Vertagung beantragt und ergötzte sich augenscheinlich daran, dass die Staatsanwaltschaft ihr eigenes Team nun nicht mehr umbesetzen konnte. Kate war schon lange klar, dass ein Gerichtssaal nichts anderes war als ein Theater. Sie musste ihre Rolle als Nebenfigur in einer Live-Aufführung spielen, deren Hauptdarstellerin nicht besonders talentiert war und die mit ihrer mangelhaften Bühnenpräsenz das ganze Stück zum Scheitern bringen konnte, egal wie gut Kate selbst war. Dieser Fall stand auf der Kippe, sein Ausgang war ungewiss.

»Detective Delafield«, begann Marquez mit klarer Stimme, die auch noch im hintersten Winkel des Gerichtssaals deutlich zu hören war, »wie lange arbeiten Sie schon für das Los Angeles Police Department?«

»Seit neunzehnhundertzweiundsiebzig«, antwortete sie fest.

Marquez blätterte in ihren Unterlagen eine Seite vor, als suchte sie nach einer bestimmten Notiz, dann wieder zurück, eine altbekannte Taktik im Gerichtssaal: Sie ließ den Geschworenen Zeit, im Kopf nachzurechnen, damit die beeindruckenden drei Jahrzehnte Polizeidienst sich ihnen einprägten. Kate nutzte die Gelegenheit, zum Tisch der Verteidigung hinüberzusehen. Ihr Blick begegnete kaffeeschwarzen Augen– Gregory Quantrill fixierte sie eindringlich, nagelte sie regelrecht an die Rückenlehne ihres Stuhls. Er lächelte ihr siegesgewiss und irgendwie gönnerhaft zu, als wüsste er von ihrem Pessimismus in Bezug auf Marquez und teilte ihre Einschätzung. Sie hielt Quantrills Blick stand. Er sollte ja nicht glauben, er könne ihr imponieren oder sie gar einschüchtern.

Marquez fragte: »Und in welcher Abteilung arbeiten Sie?«

»In der Mordkommission des Polizeireviers von Wilshire.«

»Wie lange arbeiten Sie schon für die Mordkommission?«

»Seit zwanzig Jahren.«

Wieder legte Marquez eine kurze Pause ein, und Kate wandte ihre Aufmerksamkeit dem Angeklagten zu, der neben Quantrill saß. Er trug einen angemessen eleganten dunkelgrünen Anzug, Hemd und Krawatte in hellerem Grün und lauschte aufmerksam, wobei er nicht sie ansah, sondern auf einen Punkt irgendwo zwischen ihr und der Geschworenenbank starrte. Seine beherrschte Körpersprache stand im krassen Widerspruch zu Kates letzter Erfahrung mit ihm, seiner Verhaftung, was nur heißen konnte, dass sein Verteidiger das Auftreten im Gerichtssaal gründlich mit ihm einstudiert hatte.

Marquez fragte: »Welchen Rang bekleiden Sie unter den Detectives der Mordkommission?«

»Rang drei, das ist der höchste auf meiner Stufe.«

Sie ließ ihren Blick durch den Gerichtssaal schweifen. Jetzt, da Quantrill den Fall übernommen hatte, fand er mehr Beachtung, aber an diesem dritten Verhandlungstag waren die Besucherbänke nur spärlich besetzt, hauptsächlich mit den Freunden und Angehörigen des Opfers und des Angeklagten. Der Sohn und die Tochter, Allan und Lisa Talbot, waren anwesend; Rikki, die andere Tochter, würde später kommen. Corey Lanier, die Polizeireporterin der L.A. Times, saß allein auf der hintersten Bank, den Kopf über ein Notebook gebeugt. Lanier war bereits bei den Eröffnungsplädoyers hier gewesen, als Marquez eine Kurzfassung ihrer Beweisführung geliefert hatte, warum also sollte die Reporterin Kates Aussage hören wollen, in der jedes Detail noch einmal lang und breit durchgekaut wurde?

Marquez hatte ihre Eröffnung relativ kurz gehalten; ihre Strategie baute darauf, dass den Geschworenen vor Prozessbeginn relativ wenige Informationen zur Verfügung gestanden hatten, so dass die Beweise, die sie dem Gericht vorlegen wollte, ihre geballte Wirkung entfalten konnten, vor allem, wenn sie von einem überzeugenden Abschlussplädoyer gekrönt wurden. Quantrill hatte sich noch kürzer gefasst als die Staatsanwältin und die schillernde Metapher bedient, die Anklage sei nichts als ein fadenscheiniges Taschentuch aus unbeweisbaren Spekulationen, das bei einem einzigen kräftigen Niesen in der Mitte durchreißen würde.

Der Grund für Laniers Anwesenheit musste Gregory Quantrill sein. Obwohl Kate vorbereitet war, und sie war gründlich vorbereitet– auch wenn Aimees irritierendes Verhalten keine große Hilfe gewesen war–, würde es verflixt schwer werden, seinem Kreuzverhör standzuhalten. Eine Mordklage ohne Geständnis war eine harte Nuss– und die Glaubwürdigkeit der Ermittler anzugreifen war die Lieblingsbeschäftigung von Strafverteidigern. Die Gegenseite würde sich darauf konzentrieren, mit abgedroschenen juristischen Manövern die Fähigkeiten des Verteidigers in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen, eine Strategie, die Strafverteidigern Zehntausende von Dollars einbrachte; die Verteidigung in einem Mordfall kostete eine schöne Stange Geld. Corey Lanier war nur aus einem Grund hier: Sie witterte ein Gerichtsdrama, also eine Story. Das Kreuzverhör der leitenden Kriminalpolizistin würde zeigen, ob die Story etwas taugte…

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Autorin/Bibliografie

Katherine V. Forrest ist eine lebende Ikone: Genre-Fans schätzen sie als eine der weltbesten Whodunnit-Verfasserinnen, für die schwullesbische Subkultur steht sie als Vorreiterin lesbischer Literatur.

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