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Ida Swearingen
Nachtvogel
Ariadne Krimi 1149
ISBN 3-88619-879-0
Deutsch von Hiltrud Bontrup
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)

Die einsame Jägerin ...

Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern.
Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.
(Psalm 102.7,8)


Kate Porter kommt nach zwölf Jahren Haft aus dem Knast. Und sie hat eine alte Rechnung zu begleichen: Ihr Vater, ein rechter Milizführer und gesuchter Texas-Bankräuber, ist noch immer auf freiem Fuß. Kate nimmt seine Fährte auf …

Kate Porters Reise auf der Fährte ihres Vaters, durchbrochen von Rückblenden in die Vergangenheit, zieht die Leser in ein dichtes Geflecht aus familiären und freundschaftlichen Beziehungen. Die Grenze zwischen Gut und Böse, der rechtsradikalen American Patriot Front auf der einen und den wohlmeinenden Vertrauten auf der anderen Seite, löst sich darin auf. Die Widersprüche, die die Heldin in sich vereint, prägen den gesamten Roman und führen zu verblüffenden Wendungen. Am Ende ist nichts mehr, wie es anfangs schien…

»Nachtvogel, eine prickelnde Mischung aus Krimi und Thriller, bietet von der ersten bis zur letzten Seite pulsierende, knisternde Spannung. Swearingen schreibt traumhaft gut!«
(Ellen Hart)





Leseprobe


Kate Porter verbrachte zwölf Jahre damit, ihren ersten Tag draußen zu planen. Als Erstes wollte sie in eine dieser Kaffeebars gehen und herausfinden, wie echter Cappuccino schmeckte. Dann wollte sie in ein Lokal gehen, wo es richtig große Spareribs gab, ein kaltes Bier bestellen und Blues hören. Womit sie nicht gerechnet hatte, war, im Busbahnhof von Lexington, Kentucky, zu sitzen, umgeben von schmuddelig-mintgrünen Wänden, und Kindern mit gepiercten Augenbrauen beim Videospielen zuzusehen, während sie auf den Drei-Uhr-Express nach Kansas City wartete.
Sie war auch nicht darauf vorbereitet, wie die Leute hier draußen aussahen. Sie hatte so viele Bilder von Models gesehen, mager wie Junkies, und von den Plastikschönheiten aus dem Fernsehen, dass sie irgendwann geglaubt hatte, die Leute draußen wären wirklich so. Nun saß sie hier im Busbahnhof mit einem Haufen käsiger, übergewichtiger Leute, die auf eine alte Schrottmühle warteten, mit der sie zu einem gottverlassenen Loch fahren würden, um dort herauszukriechen und Pommes zu essen und Cola zu trinken.
Das Herumsitzen ging ihr auf die Nerven. Sie sah auf die Uhr. In Topeka war es jetzt zwölf Uhr mittags. Noch eine Stunde also, bis sie anrufen konnte. Sie nahm ihren Secondhand-Koffer, warf ihren ausrangierten Armeerucksack über die Schulter und ging nach draußen.
Zweimal umrundete sie den Block, bevor sie vor einem Restaurantfenster eine Pause einlegte. Bei dem Geruch gebratener Zwiebeln, der zur Tür hinausströmte, zog sich ihr Magen zusammen. Sie hatte seit fünf Uhr früh nichts mehr gegessen, aber sie konnte sich nicht überwinden, hineinzugehen und etwas zu bestellen. Es sah aus, als hätte der Laden eine Theke und Tischbedienung, und sie konnte nicht erkennen, ob man sich setzte und das Essen bestellte oder ob man es selbst am Tresen holte. Im Gefängnis musst du zu jeder Minute wissen, was zu tun ist. Jedes Mal, wenn du verunsichert aussiehst, stürzt sich jemand – ein Wärter, eine andere Gefangene – auf dich und macht dich fertig. Kate stand im Eingang und sah hinein, bis ein Mann sie beim Hereingehen streifte. Sie lief zurück zum Busbahnhof und fand einen Süßigkeitenautomaten, einen von der alten Sorte mit einem Spiegel in der oberen Hälfte. Er erlaubte ihr einen Blick auf sich selbst, als sie den Hebel bediente – ovales Gesicht, müde Augen, ein gespannter Zug um den Mund, der sie überraschte. Den Rest der Beschreibung bekam sie ohne Hilfe des Spiegels hin. Ihr Körper war kerzengerade, ohne eine einzige Kurve – flach wie ein Bügelbrett, hatte ihr Bruder einmal gesagt. Die Arme waren stark von der jahrelangen Arbeit in der Gefängniswäscherei. Sie betrachtete ihre Hände, sah, wie rot und rau sie aussahen. Als sie wieder in den Spiegel blickte, versuchte sie ihr Gesicht zu entspannen, aber der Lärm vom Busbahnhof vermasselte ihr das, und so gab sie sich damit zufrieden, ihr zotteliges braunes Haar aus dem Gesicht zu streichen. Ihre letzte Zellengenossin hatte behauptet, Haare schneiden zu können. Wie das meiste, was sie gesagt hatte, war es eine Lüge gewesen.
Kate zog einen Baby-Ruth-Riegel aus dem Automaten und ließ sich auf einem lachsfarbenen Plastikstuhl nieder, um die Folie aufzureißen. Die Schokolade war vom Alter weiß gesprenkelt, und als sie den Riegel durchbrach, zersplitterte er und spuckte Erdnüsse auf den Boden. Sie bückte sich und sammelte jede einzelne Nuss wieder auf, unschlüssig, ob sie sie essen oder wegwerfen sollte.
Du bist jetzt draußen, ermahnte sie sich und warf die Nüsse in einen Aschenbecher.
Langsam kauend aß sie die übrigen Stücke des Riegels. Als sie den letzten Bissen herunterschluckt hatte, rollte sie die Plastikfolie mechanisch zwischen den Handflächen, bis sie zu einem rot-weißen Ball wurde. Den platzierte sie sorgfältig auf dem nächsten Stuhl. Das würde den Platz als ihren markieren und alle anderen davon abhalten, zu dicht neben ihr zu sitzen. Sie liebte Platz – eine Menge davon.
Eine Stunde verbrachte sie damit, dort zu sitzen. Das Gefängnis lehrt dich, wie das geht. Sie beobachtete die Reihe von Telefonen auf der anderen Seite, wartete, bis eine winzige Frau mit Pergamenthaut und einer braunen Perücke ihr Gespräch beendet hatte. Als sie fertig war, stand Kate träge auf, ohne Eile, nahm ihre Taschen und ging zum mittleren Apparat. Sie wählte die Nummer, die sie auf dem Münzsprecher neben der Besucherbox im Bundesfrauengefängnis so oft gewählt hatte. Sie wusste genau, was drei Minuten nach Topeka, Kansas, kosteten.


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Autorin/Bibliografie

Ida Swearingen verdingte sich zunächst als New Yorker Taxifahrerin, dann bei der Rübenernte in Minnesota und zuletzt als Familientherapeutin. Sie lebt mit ihrer Partnerin in Minnesota. Nachtvogel ist ihr erster Kriminalroman.


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