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Jean Marcy
Mütterchen Frost

Ariadne Krimi 1147
ISBN 3-88619-877-4
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)

Meg Darcys dritter Fall

Schneetreiben und eine eiskalte Spur

In Privatdetektivin Meg Darcys neuem Fall geht es auf den ersten Blick nur um diskrete Recherche. Adoptivmutter Diane Mann will die leibliche Mutter ihres Kindes ausfindig machen, ohne dass ihr jähzorniger Gatte davon erfährt.
Doch als die Detektivin herumschnüffelt, tauchen hässliche Details aus der Vergangenheit auf. Ein ungelöst ad acta gelegter Mord, ein tobsüchtiger Ex-Bulle und das stürmische Auf und Ab ihrer Affäre mit Cop-Lady Lindstrom halten Meg Darcy in Atem …

Wie Eiskaltes Blond und Lady Madonna bietet auch der dritte Meg-Darcy-Krimi lesbische Hardboiled-Krimikultur vom Feinsten und wurde mit dem Lambda-Award ausgezeichnet.


Leseprobe


Kapitel 1

»Ich will, dass Sie die Mutter meiner Tochter finden.«
Ich blinzelte. Dann räusperte ich mich, ganz Bürokratin. »Also, Mrs.Mann, eigentlich übernehmen wir bei Miller Security keine Familienangelegenheiten– Scheidungen, Sorgerechtsfälle und so weiter…« Mit entschuldigender Geste drehte ich meine Handflächen nach oben.
»Das verstehe ich, Ms. Darcy. Aber ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Mein Mann darf keinesfalls dahinter kommen.« Anders als die meisten Leute schaffte sie es, bei zunehmender Anspannung die Stimme zu senken.
»Ich kann Ihnen verschiedene zuverlässige Ermittler empfehlen. Die Detektei nebenan ist –«
»Onkel Truman sagt, auf Walter Miller könne ich mich in jedem Fall verlassen.« Ihre Augen waren grau, die schwarzen Pupillen weiteten sich. Sie war das absolute Gegenteil von meiner üblichen Klientel. Die Leute, die sonst auf der anderen Seite meines Schreibtischs sitzen, haben meist einen Schrottplatz oder eine kleine Baufirma. Sie wollen billige und perfekte Lösungen für echte Sicherheitsprobleme.
Diane Mann legte ihre Hände flach auf den Rand der Tischplatte– weiche, gepflegte Hände mit einem breiten Ehering. »Und ich habe letzten Sommer einiges über Sie in der Zeitung gelesen und in den Nachrichten gesehen. Ich weiß, dass Sie nicht so leicht Angst bekommen.«
In Wahrheit kriege ich ziemlich leicht Angst. Mir ist aus eigener Erfahrung bewusst, welchen Schaden Gewalt im Leben gewöhnlicher Menschen anrichtet. Genau wie Lindstrom, meine Beinahe-Liebste, und Patrick, mein bester Freund, laborierte ich noch an den inneren und äußeren Narben herum, die jener so medienwirksame Fall hinterlassen hatte.
Und doch gab es Tage, da fehlten mir die Adrenalinstöße akuter Gefahr und ich bedauerte die öde Routine, die zähklebrige Langeweile des Alltags, zumal meine Mitstreitenden nun wieder von ihren eigenen Alltagen und Pflichten in Anspruch genommen waren.
»An diesen Fällen waren wir unfreiwillig beteiligt. Normalerweise übernehmen wie so etwas nicht. Ich glaube wirklich –«
Erneut unterbrach sie mich. »Ich will meine Tochter nicht verlieren. Mein Mann wird alles tun, um sie bei sich zu behalten. Er ist ein sehr gefährlicher Mensch.«
Sie hatte wirklich den Bogen raus – bestechend vernünftiger Tonfall, beklemmende Wortwahl. Perfekt. Dann spielte sie ihren Trumpf aus. »Ihr Onkel hat mir versprochen, dass Sie es sich zumindest mal ansehen.«
Ich starrte sie an. Sie sah aus wie die Vorsitzende eines Wohlfahrtskomitees, die zum Einkaufen in die Stadt gekommen war. Ihr blaues Wollkostüm war tadellos und schick, eher klassisch als modisch. Das Haar perfekt frisiert, trotz des Schneeregens draußen. Ich schätzte sie auf vierzig. Ihr Make-up war diskret. Die grauen Augen, gerahmt mit Lidstrich, Wimperntusche und weiß der Himmel was, blickten mich noch immer durchdringend an.
Ärger stieg in mir auf. Colleen hatte mir gesagt, dass der unvertraute Name in meinem Terminkalender einer Nichte von Truman Partridge gehöre, dem Mann, der meinem Onkel bei irgendeinem dreckigen Scharmützel im Koreakrieg mal das Leben gerettet hatte. Natürlich hatte Walter es so eingerichtet, dass er nicht im Büro war, als Trumans Nichte aufkreuzte, um die alte Schuld einzulösen. Walter verabscheute Familienfälle. Er schwor, dass wir uns nie mit so etwas befassen würden. Außer natürlich, wenn er jemandem sein Leben verdankte. In dem Fall stellte er gern meine Arbeitszeit zur Verfügung. Verfluchte Vetternwirtschaft.
Ich unterdrückte meinen Seufzer nicht. »Hat diese Geschichte einen Anfang? Vielleicht könnten Sie damit beginnen.«
Ich schätze, sie hatte es ein paarmal geprobt, bevor sie herkam. Sie war achtunddreißig und mit einem Mann verheiratet, der zweiundzwanzig Jahre älter war als sie. Vor acht Jahren hatten sie ein Baby adoptiert. Jessica war wundervoll, ihr einziges, heiß geliebtes Kind. Doch die Ehe war von Rissen und Zerwürfnissen gezeichnet. Diane Mann wollte da raus, aber sie wollte auch sichergehen, dass sie ihre Tochter mitnehmen konnte.
Ich sah von meinen Notizen auf. »Glauben Sie, dass Ihr Mann versuchen wird, das Sorgerecht für Jessica zu bekommen?«
»Ich weiß es. Doug ist ein Mann mit einem eisernen Willen, und er liebt Jessica abgöttisch.«
»Wissen Sie, gemeinsames Sorgerecht ist gerade stark im Kommen. Es wäre das Beste für –«
»Darauf wird er sich niemals einlassen.«
»Vielleicht hat er gar keine Wahl. Ich bin nicht sicher, was die Gesetze –«
»Er ist pensionierter Polizeibeamter und hat sehr viel Einfluss und gute Verbindungen.« Allmählich verlor sie die Geduld angesichts meiner Unfähigkeit, ihre Lage einzuschätzen.
Ich sah wieder auf meine Notizen. »Warum wollen Sie die leibliche Mutter Ihrer Tochter finden?«
»Weil etwas mit der Adoption nicht stimmt. Doug wusste das. Er hat mich angelogen.«
In einem Scheidungsprozess waren Lügen nicht gerade das, was Sorgerechtsentscheidungen zum Kippen brachte. Ich wartete.
»Doug erzählte mir, Jessica sei die uneheliche Tochter seiner Nichte Marianne. Er nahm mir das Versprechen ab, nicht darüber zu reden. Für die Familie hätte es einen Skandal bedeutet und Marianne war ohnehin todtraurig. Als wir das Baby bekamen, war ich so aufgeregt, dass ich keine Fragen stellte. Doug regelte alles, was mit der Adoption zu tun hatte. Ich habe nie irgendwelche Papiere unterschrieben oder Behördengänge gemacht.« Sie sah mich fragend an. Kam ich noch mit?
Ich nickte.
»Aber im letzten Jahr kam Marianne zurück nach St. Louis. Sie hatte in Ohio gelebt. Sie war sterbenskrank und wir nahmen sie auf. Schließlich verdankte ich ihr so viel. Während ich sie pflegte, wurden wir Freundinnen. Kurz bevor sie starb, konnte ich das Schweigen nicht länger ertragen. Ich dankte ihr für Jessica.« An dieser Stelle legte Diane Mann eine Pause ein und wartete, bis ich den Blick von meinen Notizen hob. »Marianne sagte, sie habe niemals ein Baby bekommen.«
»Haben Sie Ihren Mann daraufhin zur Rede gestellt?«
Sie nickte nachdrücklich. »Er befahl mir, mich da rauszuhalten. Es ginge mich nichts an.« Noch jetzt war ihrer Stimme die Empörung anzuhören. »Es ginge mich nichts an, wer Jessicas Mutter ist!« Als sie sich selbst hörte, riss sie sich zusammen. »Nicht dass es irgendwie von Bedeutung wäre. Sie ist ein perfektes kleines Mädchen. Aber es ist von Bedeutung, dass Doug mich in dieser Sache angelogen hat.«
»Könnte es sein, dass Doug der Vater ist? Gab es vielleicht eine Frau, mit der er vor Ihrer Heirat das Kind gezeugt hat?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin sicher, dass das Kind nicht von ihm ist. Wir waren schon zehn Jahre verheiratet, als Jessica kam.«
»Und wenn er eine Affäre hatte?«
»Nein. Bei all seinen Fehlern, ein Frauenheld war er nie.«
Ich war nicht überzeugt, dass sie davon gewusst hätte, aber ich schob den Gedanken vorerst beiseite.
»Hat er Ihnen irgendwelche Erklärungen angeboten, nachdem sie ihn zur Rede gestellt hatten?«
»Er sagte, ihre Mutter sei tot.«
»Bei der Geburt gestorben?«
»Kurz danach bei einem Unfall.«
»Was ist mit dem Vater des Kindes?«
»Ein übler Bursche, sagte er. Dem das Kind völlig egal sei.«
»Noch etwas?«
»Nichts. Er habe das Kind durch seine Arbeit gefunden.«
»Wer hat die Adoption abgewickelt?«
»Willard Gardner. Er war der Anwalt von Heitner Associates. Doug arbeitet seit Jahren für sie. Vor seiner Pensionierung schwarz und jetzt Vollzeit.«
Heitner. Wo hatte ich diesen Namen schon mal gehört? Ehe ich fragen konnte, fuhr sie mit ihrer Erklärung fort. Heitner Associates waren früher die Heitner-Brauerei. Jetzt dämmerte es mir. Lange bevor Anheuser-Busch sich als Branchenriese breit machte, hatte es in St.Louis unzählige Brauereien in Familienbesitz gegeben. Diane Mann fügte hinzu, dass die Adoption kurz nach Jessicas Geburt stattfand– sie war noch keinen Monat alt. Jessica war vor acht Jahren zur Welt gekommen, am 13. Dezember. Dann fing Diane wieder davon an, wie sehr das Baby ihr Leben erfüllt habe.
Es tat mir Leid, aber ich musste diese kostbaren Erinnerungen abwürgen. »Mrs. Mann, ich bin nicht sicher, was Sie sich davon versprechen. Angenommen, Sie haben Recht– dass etwas an der Adoption nicht ganz sauber war und Willard Gardner, vermutlich ein angesehener Anwalt, entweder dabei mitgemacht hat oder an der Nase herumgeführt wurde –«
Sie schnaubte.
Ich fuhr fort, behielt meinen neutralen Ton bei. »Gehen wir also davon aus, dass alles so abgelaufen ist, wie Sie glauben. Würde es nicht Ihre eigenen Ansprüche auf das Sorgerecht für Jessica gefährden, wenn Sie jetzt die Rechtmäßigkeit der Adoption in Frage stellen?«
Sie schüttelte den Kopf. Blut schoss ihr in die Wangen und vertiefte das künstliche Rot, das sie aufgetragen hatte. »So weit würde es nie kommen, verstehen Sie das nicht? Wenn ich etwas in der Hand hätte gegen Doug, womit ich ihn bloßstellen könnte, etwas, um ihn in die Enge zu treiben und schachmatt zu setzen–«
Ich seufzte. Kein Wunder, dass Walter um Scheidungsfälle einen Bogen machte. Das waren Bürgerkriege im Kleinformat, bei denen auf die Genfer Konventionen gepfiffen wurde. Der Ruf des anderen wurde ruiniert, Kinder aufgerieben im Schlachtgetümmel. Wer hier Mäßigung predigte, wurde selbst zum Feind.
Und trotzdem, irgendwas an ihrem Grimm zog mich an. Sie versuchte ihren Grips zu benutzen, um den Mann auszutricksen, der in ihren Augen rücksichtslos sein Ziel verfolgte. Tat er das?
»Hat er Sie bedroht?«, fragte ich.
Sie sah mich an, verstand, worauf ich hinauswollte. »Nicht was Sie denken, nicht mit Schlägen.«
»Hat er Sie jemals verletzt? Körperlich?«
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. »Oh nein, nicht wirklich. Vor vielen Jahren hat er mich ein paarmal geohrfeigt, aber nichts…« Sie hielt inne.
Ich war nicht sicher, was ›nichts‹ bedeutete in einer Welt, wo Schläge ins Gesicht noch im Rahmen waren.
»Ist er groß?«
»Ja, aber wirklich –«
Jetzt unterbrach ich sie. »Hat er Jessica jemals geschlagen?«
»Nie!«
»Was dann?«
»Es ist einfach dieser bedrohliche, hasserfüllte Blick – ›Komm mir nicht in die Quere!‹« Ihre Augen flehten mich an, nicht weiter nachzubohren, ihr die Sache zu erleichtern.
Ich überflog meine Notizen. Zu mehr als Andeutungen war sie noch nicht in der Lage, aber ich hatte genug.
»Werden Sie sich drum kümmern?«, fragte sie.
Ich zögerte. Ein Polizist, der seine Frau schlägt, ist nicht gerade eine Seltenheit, im Gegensatz zu der Chance, ihn dafür büßen zu lassen. Ich wäre gern die Frau, die diese Chance ergreift.
Sie schlug wieder ihren emotionalen Ton an. »Ich brauche Ihre Hilfe. Wenn ich meine Tochter behalten will, muss ich herausfinden, wo Jessicas Mutter ist.«
»Wer Jessicas Mutter ist«, korrigierte ich sie. Damit hatte ich kapituliert.

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Autorin/Bibliografie

Das Pseudonym Jean Marcy steht für Jean Hutchison und Marcy Jacobs. Seit 16 Jahren ein Paar, hat jede beim Schreiben die Ecken und Kanten der anderen wiederentdeckt. Sie leben mit zwei Hunden und vier Katzen in der Nähe von St.Louis, jenseits des Mississippi, wo Marcy in einem Frauenhaus arbeitet und Jean nach 20 Jahren Lehrerinnenberuf ihre Freizeit genießt.

Meg Darcys 3. Fall gehört zu dem, was sie sich normalerweise vom Hals hält. Wer beteiligt sich schon gern an den Schlammschlachten eines Scheidungskriegs? Hinter der Fassade wohlanständiger Bürgerlichkeit kommt denn auch bald zum Vorschein, mit welchen Mitteln Familiengeschichte schöngeschrieben wird. Und während ganz St. Louis im Schnee versinkt, spüren Darcy und ihre Teilzeitliebste, Kriminalpolizistin Sarah Lindstrom, einer acht Jahre alten Fährte nach, wobei ihre heißkalte Wechselbadbeziehung sich unmerklich verändert…

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