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Katrin Kremmler
Die Sirenen von Coogee Beach!

Ariadne Krimi 1145
ISBN 3-88619-875-8
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(jederzeit widerrufbar)

Die Globetrotterin ist wieder da!

Ich lebe seit einem Jahr in Sydney. Arbeite als »Assistentin« bei der Stadtplanungsbehörde von Neusüdwales und promoviere. Dissertationsthema: Kulturelle Identität lesbischer Migrantinnen zweiter Generation in Australien. Ich habe mir hier ein kleines Leben zusammengebaut bestehend aus: a) meinem Job, b) meiner Diss, c) Szene. Der abenteuerliche Alltag einer studierten lesbischen Büromaus in der aufregendsten Stadt der südlichen Hemisphäre.

Andrea wollte nichts als schöne Ferien in Australien mit den Gay Games in Sydney als krönendem Abschluss. Aber ihr Flieger heimwärts startet ohne sie und Andrea erwacht in einem fremden leeren Haus – ohne einen Schimmer, wie sie dorhin gekommen ist und weshalb sie betäubt und gefesselt zurückgelassen wurde …

Sirenen sind unwiderstehlich. Ihr Lied besingt, nach was die Reisende sich sehnt. Wenn du Glück hast, lassen sie dich mitspielen. Wenn du Pech hast, ist mit Schiffbruch zu rechnen. Solange sie singen, weißt du immerhin, woran du bist mit ihnen.
Nur wenn sie schweigen, hast du ein Problem.





Leseprobe


Prolog

Kopfschmerzen. Dröhnende hämmernde Kopfschmerzen. Hatte sie Scheiße gefressen oder wo kam der Geschmack her. Vor ihr Schlittenspuren, sie führten geradeaus, Schlittenspuren im Schnee, leicht wellig am Horizont. Aber die waren rot, das war komisch. Darüber würde sie später nachdenken. Ihr Schädel hämmerte so gemein, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb.
Augen. Die konnte sie eigentlich wieder aufmachen. Die blieben auch auf.
Nackte Wand. Gelblich gestrichen und mit Stuckleiste schräg rechts. Rechts. Wieso rechts. Die waren doch sonst immer oben. Oben war aber nichts, nur ein stechendes Prickeln über dem Dröhnen in ihrem Kopf. Musste von ihren Händen kommen. Die waren taub und hingen irgendwo über ihr an schmerzenden Handgelenken. Die waren aneinander festgewachsen.
Sie zog. Zuerst probeweise und dann richtig fest, und das Stöhnen, das sie hörte, kam von ihr.
Sie lag. Im Weichen. Auf einer nackten Matratze mit roten Streifen. Schlittenspuren. An sich nicht unbequem, aber wenn man irgendwie so komisch halb auf der Seite lag mit überm Kopf zusammengebundenen Händen, wer weiß wie lang schon, und alles war steif und tat weh.
An kreischenden Nackenmuskeln konnte sie ihren Kopf etwa neunzig Grad nach rechts drehen. Da war ein Stück Tür. Die war zu. Nach links drehen ging schlecht, da bremste die Matratze, aber schräg vor und über ihr schwamm ein helles Rechteck. Ihre Brille. Verdammt, wo war die.
Sie war wohl weggedöst. Als sie wieder die Augen öffnete, dämmerte es, die Kopfschmerzen waren schon besser, und sie musste mal.
Gelbes Zimmer nur mit nackter Matratze drin. Altes Haus. Hölzernes Schiebefenster, gedämpfter Straßenlärm und diese kreischenden Vogelrufe, und vor ihr eine Titte auf der Matratze, mit Gänsehaut, das war ihre. Wenn sie sich vorsichtig nach rechts drehte, das tat weh, aber ging tatsächlich, sah sie die andere auch.
Sie konnte sich auf den Rücken drehen.
Beine waren okay und bewegten sich ohne weiteres. So nebenbei registrierte sie es, sie hatte gar nichts an, aber das war nicht das größte Problem. Manche kommen an drei Tagen im Monat mit o.b. mini aus, die waren ihr schon immer verdächtig. In ihrem Unterbauch hatte Ziehen eingesetzt. Auf ihren Uterus war Verlass. Da konnte sie die Uhr nach stellen. In zirka zehn Minuten, das wusste sie, gab es statt Ziehen Krämpfe der Extraklasse, wehenartige Wellen kombiniert mit rapidem Absacken des Kreislaufs, kalten Schweißausbrüchen und, wenn sie wirklich Pech hatte, akutem Brechdurchfall vom Feinsten. Und offene Schleusen. Die Rettung, blau und rhombenförmig, saß im vorderen Fach ihres grünen Rucksacks, NAPROGESIC, daneben die Dicken Saugfähigen mit extrasanfter Vliesumhüllung, die hatte sie da gestern (gestern?) noch reingetan, zusammen mit dem Safer-Sex-Kit von der Party neulich. Das hatten sie benutzt, daran konnte sie sich erinnern.
Moment mal.
Handflächen zusammenlegen. Sachte drehen. Hin und her. Und ziehen. Handgelenke etwas wölben, au verdammt, das tat weh. Hämmerndes Kopfweh. Nachdenken.
Die Fessel gab nach.
Drehen. Ziehen. Drehen.
Nachdenken.
Kleiner weißer Hintern.
Vorwitziges Grinsen. Kleine irische Elfe, hielt ihr etwas hin, wie, du hast das noch nie genommen? Don’t worry, gorgeous, ich weck dich schon rechtzeitig.
Rechtzeitig.
Mit einem Ruck kamen ihre Arme frei. Sie setzte sich auf und rieb sich die tauben Finger. Es war ein grüner Batikschal gewesen, festgezurrt an der Türklinke über ihrer Lagerstatt. Neben ihr auf dem Boden ihre Brille, fleckig, aber ganz. Der Schatten an der Wand war ihr Rucksack, die Dinger daneben ihre Klamotten. Irgendwas piepte. Im linken Schuh steckte ihr Geldbeutel, oh Stein der vom Herzen fiel, und ihr Handy im rechten. Eine SMS. Guten Flug Süße ich freu mich auf dich!
Und mit einem Schlag war alles wieder da.

Andrea Hönig, 27, aus Frankfurt, saß nackt und drogenverkatert irgendwo in einer Terrace im Stadtteil Newtown, Sydney, Australien, und blutete in eine gestreifte Fremdmatratze, auf der sie sich mit einer Elfe namens Eve (gestern?) fast um den Verstand gevögelt hatte.
Und die war vermutlich nicht Brötchen holen gegangen. Draußen dämmerte es. Abenddämmerung. Ihre Armbanduhr sagte Freitag, 8. November, neunzehn Uhr sechzehn.
Malaysian Airline, Flug 452 nach Frankfurt/Main, Umsteigen mit drei Stunden Aufenthalt in Singapur.
Andrea hatte ihren Flug verpasst.

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Autorin/Bibliografie

Katrin Kremmler, M.A., geboren 1972, Cartoonistin und Ethnologin, machte 2002 am Sydney College of the Arts ihren Master of Multimedia Design, lebt derzeit wieder in Budapest und arbeitet an einem lesbischen Filmprojekt.
Katrin Kremmlers zweiter Krimi beschert uns ein Wiedersehen mit Globetrotterin Gabriella Müller, die sich im sonnigen Sydney niedergelassen hat, auch dort wieder Gesetze, Herzen und Tabus bricht und die Gay Games auf den Kopf stellt. – Australien zwischen kultureller Vielfalt und Einwanderungspolitik: Katrin Kremmlers Spezialität ist die provokante, überraschende, auch humoristische Darstellung aktueller sozialer Realitäten.


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