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Dagmar Scharsich
Verbotene Stadt
Ariadne Krimi 1142
ISBN 3-88619-872-3
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(jederzeit widerrufbar)

Bücherstadt – Verbotene Stadt

Eigentlich will Lilli Lukas einfach nur wieder in der Buchhandlung ihres Mannes arbeiten, jetzt, wo die Zwillinge in den Kindergarten gehen. Aber Lillis Ambitionen scheinen ihre Umgebung nervös zu machen – am meisten ihre Mutter Mathilde. Als Lilli von ihrer neuen Idee erzählt, in der Bücherstadt Wünsdorf ein Antiquariat zu eröffnen, dreht Mathilde fast durch, ohne dass Lilli rauskriegt, warum. Was ist da los?
Ihren überbesorgten Angehörigen zum Trotz macht sich Lilli mit Freundin Lisa auf, um in der Bücherstadt neu anzufangen. Doch das entwickelt sich ganz plötzlich zu einem entsetzlichen Alptraum: Mathilde verschwindet, und Lillis Kinder mit ihr!
Die Polizei ist ratlos, die Fahndung erfolglos. Die Situation macht Lilli wahnsinnig, bestialische Migräneanfälle tun ein Übriges. Und doch scheint es, als führte die einzige Spur in Lillis Vergangenheit. Eine Vergangenheit, von der Mathilde nie auch nur einen Zipfel enthüllt hat …

Nach Die gefrorene Charlotte (Ariadne Krimi 1048, Verkaufsauflage 20.000) endlich der lang ersehnte neue Roman von Dagmar Scharsich: Verbotene Stadt ist ein Psychothriller voller Unterströmungen auf literarisch höchstem Niveau.



Leseprobe

Mathilde ist tot.
Sie ist nicht in Frieden gegangen und ich habe sie nicht hier begraben, an der Elbe, wo wir so lange gelebt haben. Ich weiß nicht, wie Mathilde sich ihre Beerdigung gewünscht hätte. Jetzt kann sie mir nicht mehr sagen, wo sie gern ihr Grab hätte. An so vielen Abenden haben wir zusammen auf der Brücke gestanden und über den Strom gesehen. Zwanzig Meter unter unseren Füßen glühte das schwarze Wasser der Elbe in der Abendsonne. Wir haben geredet und geredet. Aber über das Wichtigste in unserem Leben hat sie nie gesprochen. Ich versuche sie zu verstehen. Das ist alles normal, sage ich mir. Zeig mir die fünf oder sechs Frauen in Europa, die keine Probleme mit ihrer Mutter haben. Ich kenne keine davon. Nur – wenn sie ihr Schweigen gebrochen hätte? Ein paar Tage eher, ein paar Wochen?

Ein endloser Fluss glühenden Wassers schiebt sich einem dunkel schimmernden Horizont zu. Stromaufwärts steht der Dom wie ein riesiges schwarzes Schiff und blickt auf den Strom hinab. Hinter seinen den Himmel berührenden Türmen geht jeden Abend die Sonne unter. Es hat dreihundert Jahre gedauert, ihn zu bauen. Dreihundert Jahre, in denen es Kriege gab, Hungersnöte und kleine Weltuntergänge. Aber der Dom steht. Und wir? Fünfundzwanzig Jahre haben wir an diesem Fluss gelebt. Wie Treibholz mitten in einem Strudel. Immer ganz kurz vor dem Abgrund ...
Vielleicht war es dieser Sonntag im Mai. Vielleicht hat Mathilde ihn an diesem freundlichen sonnigen Frühlingstag zum ersten Mal gesehen. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte sie sich davor gefürchtet, Tag für Tag.

Die Elbe war hellblau. Vor dem hohen Ufer unter dem Dom spiegelte sich der Frühlingshimmel in den Wellen. Weiße Wolken ließen sich von einem leichten Wind über das Wasser treiben. Der Mai war nicht heiß und der Fluß war noch klar und roch erst ein ganz kleines bisschen nach toten Fischen und Brackwasser und faulenden Kähnen. Vor der Stadt, ein paar Kilometer stromaufwärts, hätten wir vielleicht sogar baden können.
Gleich an der Brücke zogen wir die Schuhe aus und wateten durch das flache Wasser am Ufer. Sammelten Treibholz, suchten nach Krebsscheren. Staksten ins Wasser und fischten nach Flusskieseln, Muschelschalen, polierten Glasscherben. Die Elbe umspülte kalt unsere Füße, aber der Sand auf dem Ufer war warm. Mathilde lachte, sie sah glücklich aus. Sie ließ ihren Blick über das Ufer schweifen, über die neue Brücke, über die Wellen.
Vom Parkplatz herüber kam ein Mann. Es waren noch andere Spaziergänger unterwegs. Aber an diesem Mann blieb Mathildes Blick hängen. Sie kniff die Augen zusammen, sah ihm zu, wie er langsam zur Brücke hinaufging. Ihre Mundwinkel rutschten herab. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Der Mann blieb stehen, vertiefte sich in den Anblick der Brückenkonstruktion. Lehnte sich auf das Geländer. Genoss den Blick stromaufwärts. Eine Kamera mit riesigem Teleobjektiv hing um seinen Hals. Er machte sie startklar, fotografierte das Panorama von Fluss und Stadt. Fotografierte den Blick von dort oben über das Flussufer. Auf dem wir saßen und standen und hin und her liefen um Krebsscheren zu suchen. Als er merkte, dass Mathilde und ich zu ihm hinaufsahen, hob er den Arm und winkte. Ich überlegte zwei, drei Sekunden, dann winkte ich zurück.
»Lilli! Lass das!«
Liebe Güte, nein, ich dachte nicht weiter darüber nach, warum sie mich so anfuhr. Für mich stand dort oben einfach ein Spaziergänger mit dunkler Jacke und Seemannspullover, ein wenig zu warm für diesen sonnigen Tag. Ein harmloser Mann, der den Fluss fotografierte, eine nette Familie auf dem Ufer, eine wunderschöne Stadt. An diesem Abend hätte sie mit mir reden müssen. Als dieser Tag zu Ende ging, wusste sie, dass der Moment gekommen war. Sie muss ihn erkannt haben, oben, auf der Elbbrücke, da bin ich ganz sicher. Und ich war kein Kind mehr, ich hätte sie schon verstanden.
Hätte, wäre und wenn, das sind nicht eben meine Lieblingsworte. Inzwischen habe ich diese Worte so oft gedacht, dass ich sie auf das Brett schreiben lassen könnte, das ich schon so viele Jahre vor meiner Stirn trage. Oder auf den Grabstein von Mathilde. Zusammen mit ihrem richtigen Namen.
Hätte, wäre und wenn. Mathilde, meine Mutter.



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Autorin/Bibliografie

Dagmar Scharsich, geboren 1956 in Magdeburg, Studium der Kultur- und Theaterwissenschaften und Ausbildung zur Pantomimin, seit 1989 freie Autorin: 1 Kriminalroman, ein Sachbuch (Aufbau), div. Kurzkrimis und Hörspiele (NDR u. Deutsche Welle), 1 Theaterstück (Staatstheater Cottbus). Scharsich lebt mit ihren 3 Kindern in Potsdam und schreibt am nächsten Theaterstück. Weitere Romane mit Lilli Lukas sind geplant.

Erregte Aufsehen:
Dagmar Scharsichs »Gefrorene Charlotte«

»Spannung, scharfsinnige Beobachtungen und originelle Bilder: ein Muss für Krimi-Fans.‹‹ Radio Bremen

»Von einer erstaunlichen schriftstellerischen Meisterschaft: Die Autorin brilliert mit einem Feuerwerk von zugleich volksnahen und umwerfend originellen Metaphern in allerbester Brecht’scher Tradition. – Eine rundum lohnende Lektüre!‹‹ Stiftung Lesen

››Die zweideutige, oft bedrohliche Atmosphäre sorgt für Spannung: Mit ihrer anschaulichen, literarischen Sprache versteht es Dagmar Scharsich, Stimmungsbilder von ausgesprochener Intensität zu schaffen.‹‹ Potsdamer Morgenpost

››Mit Witz und treffsicheren Beschreibungen kunstvoll verwoben, schlüssig und gut geschrieben, vor allem aber derart spannend, dass es schon einige Selbstbeherrschung kostet, abends brav das Licht auszuschalten …‹‹ ORB

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