NEUERSCHEINUNGEN                                           Verzeichnis aller lieferbaren Ariadne-Titel nach Autorinnen: A B C D F G H J K L M N O P R S W

Martha Miller
Neun Nächte
Ariadne Krimi 1136
9,90 € · · ISBN 3-88619-865-0
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)

»Ich sehe viel Blut. Überall um Sie herum.«

Bertha Brannon ist eigentlich zu bodenständig, um an Madame Soccoros Wahrsagerei zu glauben. Sie ist auch nicht eitel genug, um sich als Dreh- und Angelpunkt in einem mörderischen Komplott zu sehen. Aber Tatsache ist, die schwarze Anwältin mit dem gelben Afro hat eine Leiche in ihrem Büro, und Madame Soccoro mit ihrem Tarot ist weit und breit die Einzige, die Fragen beantwortet. Der Fall wird heißer und heißer, bis Berthas Leben buchstäblich in Flammen steht.

Neun Nächte lang geht Bertha durch die Hölle.

Neun Nächte, nach denen ihr Leben in Schutt und Asche liegt und wenig auf eine glänzende Zukunft hoffen lässt. Oder?


Leseprobe


Kapitel 1

Freitag

Bertha Brannon bugsierte ihren Jeep in eine enge Parklücke und stellte den Motor aus. Sie wollte der Hitze entkommen, warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und dachte an das vor ihr liegende Wochenende. Ausnahmsweise war nichts Dringendes zu tun; die beiden freien Tage schienen unendlich lang wie ein leerer Highway in der flachen Sommerprärie.

Bertha winkte der stoppelhaarigen neuen Frau in Liliths Buchladen zu und schob sich eilig durch die Drehtür ins Lamberthaus; ein dreistöckiger Bau aus Beton und Marmor, zwei Häuserblocks entfernt von der Innenstadt von Jefferson, Illinois. Der Marmorfußboden in der Eingangshalle fühlte sich kühl an.

In ihrem eigenen Büro im zweiten Stock schleuderte Bertha die schwarzen Pumps von den Füßen und rieb sich ihre Nylonwaden. Trotz einer ins Fenster eingebauten Klimaanlage, die Tag und Nacht lief, war es im Büro heiß. In der Ecke klapperte ein schwenkbarer Ventilator auf einem Aktenschrank mit vier Schubladen. Das Sonnenlicht des späten Nachmittags schien durch die waagerecht gestellten Jalousien auf den chaotischen Schreibtisch. Auf der Suche nach ihrem Terminkalender wühlte sie in einem Stapel Aktenmappen. Alvin, ihr Sekretär mit Teilzeitstelle, war wegen eines Termins beim Zahnarzt früher gegangen.

Bertha war ziemlich sicher, dass der ganze Nachmittag fürs Gericht freigehalten war. Wenn niemand um vier einen Termin hatte, würde sie auch die Feinstrumpfhose ausziehen. Ihre einszweiundachtzig große, neunzig Kilo schwere Gestalt war nicht für Röcke und Absätze geschaffen. Sie hatte nur zwei Gerichtskostüme, eins für den Sommer und eins für den Winter. Normalerweise hingen sie an einem Garderobenständer in der Ecke, verdeckt von einem voll gestopften Bücherregal. Sie hatte mehrere Packungen Feinstrumpfhosen Größe sechsundvierzig – die verdammten Dinger zerrissen meistens, wenn sie sie an- oder auszog. Bertha trug im Büro Jeans und Tennisschuhe, manchmal einen Blazer. Sie würde nie eine der afroamerikanischen Geschäftsfrauen mit Leib und Seele und professioneller Garderobe sein, die sie früher bewundert hatte. Den Versuch, sich in dieses Schema einzufügen, hatte sie nach zwei Jahren bei der Staatsanwaltschaft von Illinois aufgegeben. Dort hätte man sie gern behalten, denn Frauen, besonders schwarze Frauen, waren Bertha gegenüber weniger befangen. Ihr konnten sie die hässlichen Wahrheiten erzählen, die häufig entscheidend sind für einen Fall. Manchmal sehnte sich Bertha nach der Sicherheit und dem regelmäßigen Gehalt, die dieser Job geboten hatte.

Mehrere Aktenmappen rutschten auf den Boden, als sie den Terminkalender herauszog. An diesem Nachmittag hatte sie keinen Termin, aber um sieben war sie lose mit Alvin und Randy zum Essen verabredet. Sie war froh über die freie Zeit, machte sich aber auch Sorgen. Seit Montag waren nur drei neue Klientinnen zu ihr gekommen – zwei Scheidungen, vermittelt vom Frauenhaus, und eine Gehaltspfändung für Unterhalt. Keine von ihnen hatte die fünfzig Dollar für die Erstkonsultation. Sie hatte jeder der drei mitgeteilt, dass sie nur eine bestimmte Zahl von Fällen zu verringertem Honorar annahm – und dann alle angenommen.

»Verdammt, Bertha«, fluchte Alvin, als sie ihm die letzte Akte zum Tippen gegeben hatte. »Am Montag ist die Miete fällig. Wenn du dauernd solche Fälle annimmst, hast du keine Zeit mehr für Arbeit, die Geld bringt.«

»Solange ich den Vertrag als Pflichtverteidigerin habe, wird die Miete bezahlt«, hatte sie gesagt.

Warum erklärte sie ihre Entscheidungen überhaupt dem Sekretär? Sie war den ganzen Nachmittag im Jugendgericht gewesen und hatte einen Fünfzehnjährigen verteidigt, der wegen Autodiebstahl angeklagt war. Jimmy Reed, ein großer, schlanker Junge mit blondem Haar und einer brandneuen Mickymaus-Tätowierung, hatte den Wagen seines Vaters »ausgeliehen«, die Stereoanlage und ein paar Blankoschecks gestohlen und Geld und Fahrzeug dann benutzt, um sich und einen Schulfreund tätowieren zu lassen. Sein Vater erstattete Anzeige. Der Junge lebte bei seiner Mutter. Mr. Reed war wieder verheiratet und mit den Unterhaltszahlungen im Rückstand, er sah das Kind selten. Obwohl es sich um einen verfahrensfremden Sachverhalt handelte, war Bertha die Erwähnung des fälligen Unterhalts gestattet gewesen, weil sie beim Jugendgericht waren. Richter Wallace schickte alle aus dem Zimmer und fragte, ob sie eine Gehaltspfändung gegen Mr. Reed anleiern würde. »Wenn sie ihren Unterhalt hätte, könnte sie dem Jungen Hilfe besorgen. Die meisten Kids, die wir hier sehen, stecken schon zu tief drin. Dieser hat eine Chance.«

Bertha hatte das entsprechende Formular auf ihrem Computer. Bei Scheidungsfällen steckte sie es meistens ein.

Jimmy bekam drei Monate Aufsicht der Jugendgerichtshilfe und die Standardpredigt. Bertha nahm seine Mutter beiseite, nachdem die anderen gegangen waren, und bat sie, die Unterlagen für die Gehaltspfändung herauszusuchen – Unterhalt, medizinische Versorgung und alle übrigen Zahlungsverpflichtungen Mr. Reeds laut Scheidungsvereinbarung – und sie ihr bis Montag zukommen zu lassen.

Bertha hatte ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Aber der Gerichtsbezirk bezahlte Pflichtverteidigerinnen und Pflichtverteidiger erst nach Monaten und bestenfalls unregelmäßig. Sie fand nicht, dass sie Alvin das erklären musste. An die Miete erinnert zu werden machte sie trotzdem nervös. In ihrem eigenen Büro musste sie sich nicht um Kleidervorschriften und Arbeitszeiten kümmern. Um unbezahlte Rechnungen schon.

Bertha rieb ihren rechten Fuß. Sie hatte Krämpfe in den Zehen. Sie fuhr mit den Händen über ihre runden Nylonschenkel und hakte ihre Daumen in den Bund der Strumpfhose. Im Stehen, hinter ihrem Schreibtisch, rollte sie das Ding über ihre Hüften herunter und zog erst den einen, dann den anderen Fuß heraus. Dann hob sie den feuchten Nylonfetzen vom Boden auf und schmiss ihn in die unterste Schreibtischschublade.

Die Klimaanlage hinter ihr dröhnte auf oberster Stufe. Sie drehte sich um und ließ sich die kühle Luft über den Hals blasen, beugte sich vor und spürte den Luftstrom unter ihrer Bluse.

Durch das Fenster im zweiten Stock konnte sie eine Schlange vor dem Autoschalter der Bank an der Ecke sehen und ein paar Fußgänger auf dem Bürgersteig, von dem Hitzewellen aufstiegen wie von einer auf höchster Stufe vergessenen Herdplatte.

Bertha wollte nach Hause und ihre juckende Kopfhaut wieder mit Schwefelspülung behandeln. Sie verfluchte Alvin und seinen Frisörfreund, die sie zu blondem Haar überredet hatten. Nicht nur, dass sie aussah wie Wesley Snipes in »Demolition Man«, ihr Haar war auch trockener und störrischer als je zuvor.

»Entschuldigen Sie.« Eine Stimme hinter Bertha schnitt ihre Gedanken ab. Sie drehte sich um und stand einer schlanken jungen weißen Frau in einem roten ärmellosen Kleid gegenüber.

Bertha setzte sich schnell hinter ihren Schreibtisch, in der Hoffnung, er würde ihre nackten Beine verbergen.

»Ich würde gerne Miss Brannon sprechen.«

»Ich bin Bertha Brannon. Haben Sie einen Termin?«

Die Frau lächelte entschuldigend. »Barry Levine, der Anwalt am anderen Ende des Gangs, sagte mir, Sie seien vielleicht hier. Ich hatte einen Termin bei ihm, er konnte mir aber nicht helfen. Das Vorzimmer war leer, aber ich habe Sie hier drinnen gesehen.«

»Barry glaubt, ich könnte Ihnen helfen, obwohl er es nicht kann?« Bertha war misstrauisch. Barry Levine wies nie Klienten ab.

»Ja.« Die Frau warf einen Blick über ihre Schulter, als sei jemand hinter ihr.

Bertha sah zu der leeren Türöffnung.

Die Frau fragte: »Haben Sie Zeit für mich?«

»Na ja, eigentlich …«

»Es ist sehr wichtig«, flehte die Frau. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn ich das ganze Wochenende warten muss. Bitte, Miss Brannon.«

»Nennen Sie mich Bertha.« Bertha wies auf den Klappstuhl neben dem Aktenschrank. »Ich habe nur ein paar Minuten. Also, worum geht es?«

»Mein Name ist Sally Morescki.« Die Frau zog den Stuhl rasch zur Schreibtischecke herüber.

Bertha nahm einen Stift aus der mittleren Schublade und zog einen Block unter einem der Stapel auf ihrem Schreibtisch hervor. »Würden Sie mir das bitte buchstabieren?«

Sally begann ihren Nachnamen langsam zu buchstabieren, zuckte dann zusammen und blickte sich um. »Haben Sie ein Geräusch gehört?«

»Nein.« Bertha seufzte. »Hören Sie, wenn Sie eine Unterlassungsverfügung brauchen, können Sie sie selbst beantragen.«

»Ich habe eine.«

»Nun, wenn er sie übertreten hat, können Sie selbst die Polizei anrufen. Rechtsanwälte sind teuer.« Bertha glaubte genau zu wissen, warum Barry Levine Sally Morescki den Gang hinuntergeschickt hatte.

»Glauben Sie an das Tarot?«, fragte Sally.

Bertha wischte sich Schweißperlen von der Oberlippe. Die verdammte Polyesterbluse war unter ihren Armen und an der Taille durchnässt. Sie wollte nach Hause, die Montur loswerden und eine kurze Jeans anziehen. »Ich weiß, was es ist. Karten, stimmt’s?«

Sally nickte. »Jede Karte bedeutet etwas –«

»Auf die Gefahr, abgedroschen zu klingen, könnten wir zur Sache kommen? Es war ein langer Tag.«

»Ich komme gerade von einer Sitzung. Mir wurde geraten, mir einen Anwalt zu nehmen.« Sally schluckte schwer. »Und zwar heute noch.«

»Wollen Sie mir erzählen, Sie haben sich wahrsagen lassen –«

»Es war das Tarot.«

»Tarot, Teeblätter, wo ist der Unterschied? Sie nehmen sich eine Anwältin auf den Rat einer Zigeunerin?«

»Einer Hexe«, korrigierte Sally sie.

»Und wofür genau engagieren Sie eine Anwältin?« Bertha nahm sich vor, Barry Levine für das hier zu danken.

»Als meine Verteidigerin«, sagte Sally Morescki. »Ich werde wegen Mordes angeklagt werden.«

Bertha begann auf den Schreibblock zu kritzeln. »Jetzt kommen wir der Sache näher. Wer ist tot?«

»Niemand.«

Bertha warf den Stift ein bisschen zu hart auf ihren Schreibtisch. Sie rutschte auf ihrem Stuhl zurück und starrte die blonde Frau verärgert an. »Sie werden wegen Mordes angeklagt, und niemand ist tot?«

»Ich werde meinen Mann ermorden.« Sallys Stimme war sanft. Da war eine Spur Erregung, als freue sie sich schon darauf.

»Mrs. Morescki, wenn Sie sagen, der Mann verdient es zu sterben, glaube ich Ihnen. Aber das Gesetz verpflichtet mich dazu, Ihre Absicht, ihn umzubringen, zu melden.« Bertha breitete die Arme aus, eine Geste, die sagen sollte, die Entscheidung lag nicht in ihrer Hand. »Vielleicht sollten Sie nichts mehr sagen. Wenn Sie verhaftet werden, wird Ihnen ein Anruf zugestanden. Setzen Sie sich dann mit mir in Verbindung.«

»Ich habe nicht die Absicht, ihn umzubringen. Aber die Karten –«

»Ich weiß, die Hexe –«

»Ja, sie hat gesagt, ich soll mir noch heute einen Anwalt nehmen.«

»Wo hat diese Hexe Jura studiert?«

Sally Morescki seufzte. Sie nahm ihre Handtasche und begann darin zu wühlen. Sie sah aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen.

Bertha drehte sich zum Fensterbrett, nahm eine Schachtel Kleenex und bot sie ihr an.

»Danke«, murmelte Sally und putzte sich die Nase.

Es folgte ein langes Schweigen. Schließlich sagte Bertha: »Warum erzählen Sie mir nicht von ihm?«

»Mein Mann ist sehr einflussreich.« Sally beugte sich vor und sprach leise, als könnte jemand in dem leeren Vorzimmer sie hören. »Wir sind seit zwei Jahren verheiratet. Ich dachte, alles liefe bestens, bis letzten Februar.«

»Was ist passiert?« Bertha musterte die Frau und versuchte sich auszurechnen, wie wohlhabend dieser »einflussreiche« Mann war. Sally sah eigentlich nicht reich aus. Das rote Kleid war nichts Besonderes und die Schuhe hätten aus einem Billigladen sein können. Ihr Haar war kurz, einer dieser pflegeleichten Kurzhaarschnitte weißer Frauen, aber Sallys Blond sah natürlich aus. Es gab feine Hinweise, dass nicht alles so prima lief für sie – dunkle Ringe unter ihren Augen, ein aschfahler Teint. Sie erinnerte Bertha an Klientinnen, die vom Frauenhaus vermittelt wurden. Bertha hatte ihre Gründe, so viele Fälle mit häuslicher Gewalt anzunehmen, und sie wusste, sie würde tun, was sie konnte, um Sally Morescki zu helfen.

»Er kam eine Woche nicht nach Hause«, antwortete Sally. »Wir stritten uns.«

»Streiten Sie beide viel?« Bertha glaubte die Antwort zu kennen.

Aber Sally schüttelte den Kopf. »Nein, bis dahin nicht. Er wirkte sehr gereizt. Ich dachte, es wäre vielleicht Stress im Geschäft oder wieder ein Problem mit seiner Exfrau.«

»Also sind Sie die zweite Frau?« Bertha machte sich wieder eine Notiz.

Sally errötete. »Ich war seine Sekretärin. Es gab eine unschöne Scheidung. Ich schäme mich, das zuzugeben, aber als er für eine Woche verschwand, dachte ich, er hätte was mit Miss Cornwell, der neuen Sekretärin. Nachdem ich sicher war, dass er noch lebte, heißt das.«

»Warum sollten Sie sich dafür schämen?«, fragte Bertha. »Das ist eine ganz normale Annahme.« Bertha erinnerte sich an einen Ausspruch ihrer Tante Lucy, die fünfmal verheiratet gewesen war: Wenn du einer Frau den Mann wegnimmst, wird ihn eines Tages eine andere Frau dir wegnehmen.

Sally begegnete Berthas Blick. »Sie sind sehr direkt, nicht wahr?«

»Direkt. Zynisch.« Bertha seufzte. »Und mir ist heiß und meine Füße tun weh.«

»Was würde es kosten, Sie zu engagieren?«, fragte Sally.

»Soweit ich sehen kann, müssen Sie mich nicht engagieren. Ich könnte Ihr Geld nehmen. Aber Tatsache ist, Sie brauchen keinen Anwalt. Wahrscheinlich konnte Barry Levine Ihnen deshalb nicht helfen. Und aus demselben Grund kann ich es auch nicht.«

Sallys Stirn legte sich in Falten. Sie wirkte verblüfft. »Kennen Sie sich im Strafrecht aus?«, fragte sie.

»Ich habe zwei Jahre bei der Staatsanwaltschaft gearbeitet. Dort hab ich meinen Teil an Strafrechtsfällen bearbeitet. Auf Seiten der Anklage, natürlich.« Bertha lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Eines weiß ich ganz genau. Und zwar, dass es ein Verbrechen geben muss.«

»Aber Madame Soccoro –«

»Sie planen nicht, Ihren Mann zu ermorden?«

»Natürlich nicht!«

»Aber Sie haben eine Unterlassungsverfügung?« Bertha verstand nicht wirklich, warum sie das Gespräch weiterführte. Vielleicht, weil Sally weiter dort saß und Bertha den Raum nicht verlassen konnte, ohne ihre nackten Beine deren Blicken auszusetzen.

»Als er letzten Winter schließlich nach Hause kam, stritten wir uns. Er wurde grob.« Sally senkte ihre Stimme. »Ich bin für eine Weile zu meiner Mutter nach Hause gezogen. Er hat ständig angerufen. Mutter bestand darauf, dass ich eine Unterlassungsverfügung beantrage.«

»Wann hat er Sie zum ersten Mal geschlagen?«, fragte Bertha.

Sally ließ den Kopf hängen. »Weiß ich nicht mehr.«

Nach Berthas Erfahrung war das etwas, was eine Frau auf jeden Fall wusste. Vielleicht vergaß sie all die Male dazwischen, aber an das erste Mal konnte sie sich immer erinnern, und vielleicht an das letzte. »Wo ist Ihr Mann jetzt, Mrs. Morescki?«

Sally zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht.«

»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«

»Vor einer Woche.«

Bertha spürte, wie ein Schweißtropfen an ihrer Wirbelsäule hinunterlief. Sie sah diskret auf ihre Uhr, nahm dann den Schreibblock und fächerte sich damit Luft zu. »Wollen Sie eine Scheidung, Mrs. Morescki?«, fragte sie schließlich.

»Würden Sie meinen Fall übernehmen?« Sally begriff anscheinend allmählich.

»Kinder?«, fragte Bertha.

»Nein.«

»Besitz?«

»Unser Haus gehört uns beiden. Zwei Autos«, sagte Sally, »das Übliche.«

»Ich müsste ein Pauschalhonorar von sechshundert Dollar nehmen. Wenn es Komplikationen gibt, kommen weitere Gebühren dazu.«

Sally öffnete ihre Handtasche und wühlte darin herum. »Laut Madame Soccoro wird es Komplikationen geben. Ich werde mich besser fühlen, wenn ich weiß, Sie sind in meinem Team.« Sie brachte einen weißen Briefumschlag in Standardgröße zum Vorschein und faltete ihn auf. Er war voller Geld. Sie zog ein Bündel Hundertdollarscheine heraus und zählte sechs davon ab.

Berthas Schläfe begann leicht zu pochen. Sie ignorierte es, nahm das Geld aus Sallys ausgestreckter Hand und unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung darüber, das Geld für die Miete vor sich zu sehen. In bar. »Was ist Ihr Grund?«

»Hm?«

»Der Scheidungsgrund«, sagte Bertha. »Wir könnten auf Zerrüttung plädieren, aber bei gemeinsamem Besitz ist es wohl besser, wenn Sie die geschädigte Partei sind. Jedenfalls wenn er nicht in die Scheidung und die von uns vorgeschlagene Vereinbarung einwilligt.«

»Ist seelische Grausamkeit in Ordnung?«

Bertha zuckte mit den Schultern. »Für mich okay. Irgendwelche besonderen Erwägungen über den Besitz? Die übliche Fifty-fifty-Aufteilung?«

»Ich möchte, dass er alles verkauft und das Geld aufteilt. Ich nehme an, er wird das Geschäft behalten wollen. Er kann meine Aktien kaufen.«

»Wir werden es versuchen. Bringen Sie mir eine Liste. Ich habe die Papiere bis Montagnachmittag fertig zum Einreichen.« Bertha machte sich wieder eine Notiz. Sie hielt inne, beugte sich hinunter und zog die unterste Schublade auf. Ihre Strumpfhose lag in einem Haufen auf der Bankmappe. Sie versuchte sich zu erinnern, wo Alvin den Quittungsblock aufbewahrte.

Sally sah auf ihre Uhr. »Gott, ich wusste nicht, dass es schon so spät ist.« Sie beugte sich über den Schreibtisch und streckte die Hand aus. »Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit mir zu sprechen, Bertha.«

Bertha schüttelte Sallys dünne, kühle Hand. »Ich gebe Ihnen eine Quittung.«

»Kann ich sie am Montag mitnehmen?« Sally war schon auf dem Weg zur Tür. »Ich habe noch einen Termin.«

»Sicher, klar.« Bertha winkte ihr zum Abschied zu. Sie war erleichtert, dass sie das Gespräch hinter sich hatte. Beim Umdrehen kratzte sie sich das Schienbein an der offenen Schublade auf. Sie bückte sich, um sie zu schließen, und als sie eine Sekunde später wieder aufsah, war Sally Morescki weg.

Bertha zog eine leere Aktenmappe aus einer Kiste auf dem Fußboden und schrieb »Morescki« auf das Etikett, riss zwei Seiten mit Notizen vom Schreibblock und schob sie hinein. Sie beschloss, das Geld lieber selbst einzuzahlen, als es bis Montag für Alvin liegen zu lassen. Bis jetzt hatte sie nur vier Schecks über zehn Dollar geschickt bekommen, von Frauen, die ihre Rechnungen in monatlichen Raten bezahlten, und einen Scheck über fünf Dollar von einer Frau, die die zehn Dollar nicht zusammenkratzen konnte. Das Bargeld machte sie nervös und sie wollte es nicht das ganze Wochenende im Büro lassen.

Bertha trug Schecknummern, Beträge und Namen der Klientinnen in die Einzahlungsquittung ein, rechnete alles zweimal nach, schrieb sechshundertfünfundvierzig Dollar auf den Beleg und ließ den gelben Bankumschlag in ihre Aktentasche fallen.

Von ihrer Bürotür aus warf sie einen letzten Blick auf das Durcheinander auf ihrem Schreibtisch und schwor sich, es ganz bestimmt am Montag zu ordnen. Wenn die Zwischentür geschlossen war, sah das Vorzimmer picobello aus. Die einzigen Dinge auf Alvins Schreibtisch waren eine Pflanze und sein Telefon. Sie machte die Außentür zu und schloss ab.

Als Bertha im Erdgeschoss aus dem Fahrstuhl stieg, war die Eingangshalle leer. Ihre eleganten Schuhe klangen dumpf auf den glänzenden Marmorfliesen. Als sie an den Briefkästen vorbeiging, glaubte sie ein leises Knirschen zu hören. Sie fuhr herum, sah aber nichts. Während sie sich durch die Drehtür hinaus in die schwüle Luft schob, tadelte sie sich dafür, so schreckhaft zu sein. So schlimm wie Sally Morescki, dachte sie.

Seitenanfang

Autorin/Bibliografie

Martha Miller schreibt neben Krimis auch Kurzprosa, für die sie mit dem Lincoln Library Award ausgezeichnet wurde, erotische Geschichten und Dramen, die vom Mid-America Playwright Theatre aufgeführt werden. Miller hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrer Gefährtin in Jackson. Neun Nächte ist ihr erster Roman um die einsachtzig große, 200 Pfund schwere Anwältin Bertha Brannon.

Außerdem von Martha  Miller: Taxi ins Chaos

Argument Verlag GmbH | Glashüttenstraße 28 | 20357 Hamburg | Impressum | AGBs | Widerrufsbelehrung