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Jean Marcy
Eiskaltes Blond
Ariadne Krimi 1133
9,90 € · · ISBN 3-88619-863-9
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(jederzeit
widerrufbar)

Oft sind es verlassene Geliebte oder heimliche Verehrer, die zu einer tödlichen Gefahr werden. Sie liegen auf der Lauer, schleichen ums Haus, hinterlassen Blumen, Briefe, dann üble Drohungen, und eines Tages schlagen sie zu … Nach der Trennung von ihrer gewalttätigen Geliebten flüchtet sich Vivian Rudder zu ihrer Ex, Police Detective Lindstrom. In deren Haus wird sie kurze Zeit später brutal ermordet. Für Lindstrom ist das Motiv sofort klar: Eifersucht und Rache. Aber Meg Darcy, Privatdetektivin und Lindstroms Teilzeit-Loverin, hat ihre Zweifel und macht sich auf die Suche nach dem wahren Täter.


Leseprobe


Kapitel 1

Der schrille Ton zerriss die Nacht.

Ich erklomm die Mauern tiefen Schlafes, entwand mich der feuchten Umarmung des verknäulten Lakens und griff nach dem Telefon am Bett. Ein Anruf um vier Uhr dreißig bringt keine guten Nachrichten. Ich schluckte den Schlaf von meinem Kehlkopf, erzeugte einen wachsamen, neutralen Tonfall.

»Hallo?«

»Meg.« Nur eine Silbe, aber lang gezogen und dünn.

»Hier ist Darcy«, sagte ich knapp. Der Tonfall verbarg meine Verwirrung, während ich die Liste derer durchging, die mich Meg nennen.

Sie stand natürlich nicht drauf. Als ich das letzte Mal ihre raue, erstickte Stimme gehört hatte, in der Vertrautheit der Nacht, hatten wir besagtes Laken in lustvolle Windungen versetzt. Aber sie nannte mich Darcy, sogar während der schönsten Sachen. Und niemals, unter keinen Umständen, hatte ich Sarah Lindstrom wimmern gehört. Trotzdem setzte die Erkenntnis ein, nur eine halbe Sekunde bevor sie sagte: »Meg, hier ist Sarah.«

Da setzte ich mich auf, versuchte mich aus dem klebenden Laken zu schälen. Der Bodenventilator, der eine Palmwedel-Brise simulieren soll, blies die Kühle des frühen Morgens durch mein fadenscheiniges T-Shirt. Darin schlafe ich immer, wenn ich keine Gefährtin habe. Keine Frage, warum ich zitterte.

»Sarah, was ist los?« Ihr Name, die ganze Frage war wie ein Kloß in meiner Kehle. Noch nie hatte sie mir die Chance gegeben, einen beruhigenden Ton anzuschlagen.

»Viv. Sie wurde ermordet. In meiner Wohnung.«

Zu viel, zu schnell. Ich hetzte darüber hinweg, verstand es nicht. Mir war schwindlig vom Adrenalinstoß. »Geht es dir gut, bist du unverletzt?«, stieß ich hervor.

Ein seltsames Geräusch, vielleicht der Versuch, ironisch zu lachen, oder ein unterdrückter Seufzer. Dann, ihre Stimme war fast die alte: »Ich hab sie gefunden.«

»O Gott.«

»Ihr Mörder hat einen Baseballschläger benutzt.«

»Sarah!«

»Kannst du zu mir kommen? Ich meine, sofort.«

»Zehn Minuten.« Mit den Füßen fischte ich nach meiner Jeans auf dem Boden. »Sarah, hast du die Polizei benachrichtigt?«

Ich bin Privatdetektivin. Ich denke so.

»Natürlich«, sagte sie. Ihre Stimme war fast schnippisch und typisch Lindstrom.

»Ich wollte nur wissen, ob du in Sicherheit bist.« Mist. Schon wieder entschuldigte ich mich. Beim letzten Mal hatte ich mir geschworen, es nie wieder zu tun. Egal, was passierte.

»Todsicher.« Bitter. Schwarzgallig bitter. Schrecklich bitter. Ich hatte Sarah Lindstrom vieles genannt im letzten halben Jahr – arrogant, misstrauisch, mäkelig. Oder Eiskönigin, mein persönlicher Favorit. Aber niemals bitter.

Jetzt durchflutete mich eine Welle von Übelkeit. Mein Schweiß roch stark vor Angst. Ich streckte den Arm nach meinen Reeboks aus. »Bin schon unterwegs.«

»Kennst du die Adresse?« Halb beschämt.

Recht so. Sechs Monate, und ich war nie in ihrem Haus gewesen. Patrick hatte schon gewitzelt, dass sie einen Graben drumherum hatte. Aber der war offensichtlich nicht tief genug. Ich sagte das nicht. Ich sagte nicht: Ja, ich umkreise häufiger deinen Block und schmachte. Stattdessen sagte ich: »Kenne ich.«

Ein Herzschlag. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, näher darauf einzugehen. Ich fügte eine Frage hinzu. »Ist Neely da?«

»Ja.« Ein halber Schlag. »Ich hab ihn direkt angerufen.«

Zuerst. Klar. Natürlich. Das ist okay. Er ist ihr Partner. Sie arbeiten zusammen bei der Mordkommission.

Wenn Lindstrom Patrick wäre, hätte ich gesagt: »Sag Neely, er soll dich in den Arm nehmen, bis ich da bin.« Nicht weil Patrick schwul ist. Sondern weil er anschmiegsam ist und offen und zugeben kann, wenn es ihm schlecht geht. Aber Lindstrom ist nicht Patrick. »Gut, dass Neely da ist.« Es war mehr als halb wahr. »Ich bin unterwegs.«

»Danke, Darcy.« Der Name und der Tonfall sagten alles. Die Zugbrücke, die den innersten Burgfried schützte, wurde wieder hochgezogen.

Wir legten auf. Ich stand da, summend vor wirbelnden Energien, higher als von jeder Droge, fast bewegungslos, weil so viele widersprüchliche Signale durch mein Hirn schwärmten. So hatte ich mich gefühlt, als zum ersten Mal jemand absichtlich auf mich geschossen hatte.

Und so hatte ich mich gefühlt, als Lindstrom und ich zum ersten Mal Sex gehabt hatten. Die Male seitdem kann ich an den Fingern einer Hand abzählen, und ich brauche nicht alle dafür. Genau vier Mal. Na ja, zu vier Gelegenheiten. Jedes Mal feierten wir unsere private Orgie. Ich denke ziemlich oft an diese vier Gelegenheiten. Ich habe sie auswendig gelernt. Wie sie aussieht. Wie sie sich anfühlt. Lindstroms seidige Haut. Geruch, Geschmack. Ihre Art, sich zu bewegen. Die Arten. Die Neigung ihres Kopfes, die hochgezogene Braue, die trockene, skeptische Stimme. Sogar im Bett. Und auf jeden Fall hinterher – wir gerieten immer aneinander.

Es begann nie wie ein gewöhnlicher Streit, sondern schlich sich einfach von der Seite an. Wer ist der beste Kandidat für die nächste Bürgermeisterwahl? Darf ein Polizist an der Pride-Parade teilnehmen? Bloß beiläufige Bemerkungen, die sich verzerrten und verwickelten und vor allem explodierten: »Du weißt nicht, was es bedeutet, Polizistin zu sein.« – »Du weißt nicht, was es bedeutet, Lesbe zu sein.« Das hitzige Ende, das eisige Danach. Wochenlang kein Anruf, kein Brief, keine Abbitte.

Nachdem wir Jahre in St. Louis gelebt hatten, ohne dass sich unsere Wege kreuzten, trafen wir uns jetzt immer zufällig. Patrick und ich stöberten bei Left Bank Books oder waren beim Sonntagsbrunch im South City Diner und Lindstrom tauchte auf. Wochenlanges Schmollen, in einer Sekunde ungeschehen gemacht.

Es liegt nicht an ihren perfekten gemeißelten nordischen Zügen oder ihrem langen, biegsamen Athletinnenkörper. Es ist etwas in ihr, ein unbestimmbares Feuer, das ich fangen und festhalten will. Es ist – ich kann es nicht erklären. Der Anruf hatte mich also nicht nur aus dem Schlaf gerüttelt. Neely war zuerst da, aber sie hat mich angerufen. In diesem Wirbel widerstreitender Aufgeregtheiten steckte eine kleine, hämische Hoffnung: Ich komme auf meinem weißen Pferd geritten. Ich werde sie retten.

Ich riss mir das T-Shirt vom Leib, zog schnell den Sport-BH von gestern und ein frisches T-Shirt an und band mir die Schuhe zu. Für ein oder zwei Sekunden stand ich einfach da und versuchte, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Ob ich meinen 38er nehmen sollte? Nein. Ganze Polizeieinheiten werden dort sein. Ein Mord bei einer der ihren zu Hause.

Ich begann mich zu bewegen. Und stolperte über den gähnenden Harvey Milk, der miauend protestierte. »Futter gibt’s später, Harve«, sagte ich auf dem Weg hinaus.

Im Flur, vor Patricks Tür, unterdrückte ich den flüchtigen Impuls, meinen Kumpel zu wecken. Seit zwei Jahren erfährt er als Erster, was mich beschäftigt. Aber ich hatte keine Zeit. Ich flog die Stufen hinab, in meinem Kopf summte es: »Ich komme, ich komme.«

Ich trat hinaus in das, was von der Nacht übrig war. Mein Plymouth parkte vor dem Vier-Parteien-Haus, ein Gebäude in einer Reihe dunkler Backsteinapartments, die sich die Arsenal Street gegenüber dem Tower Grove Park erstreckte. Tagsüber wirkt der Park einladend. Nachts unheimlich. Der zuverlässige blaue Plymouth sprang sofort an. Im kommenden Februar wäre er seine 160.000 Kilometer gelaufen, und meiner Finanzlage wegen brauchte ich ihn noch zwei Jahre. Heute Nacht sollte er einfach nur fahren, fahren.

Sofort musste ich bei Rot auf der Grand Street halten. Die Stille auf dieser Hauptverkehrsader von Norden nach Süden war surreal. St.Louis ist keine Stadt, die niemals schläft. Während der frühen Morgenstunden fällt die Stadt in leichten Schlummer, und der morgendliche Schichtwechsel hatte noch nicht für Belebung gesorgt. Sogar im Sommer, wenn rastlose Teenies herumstreunen, klappen nach und nach die Bürgersteige hoch. Sogar am Wochenende.

Ich schaute die Straße entlang, konnte aber die Temperaturanzeige der Bank nicht erkennen. Für heute war eine Höchsttemperatur von etwa 35 Grad Celsius vorhergesagt. Schwüle im Mittleren Westen und es war erst der 19. Juni. Die brütende Hitze hatte schon begonnen. Hatte Viv bei offenen Fenstern geschlafen? Hatte Lindstrom die Klimaanlage eingeschaltet und die Fenster geschlossen? Dinge, die man nicht weiß, können sehr wehtun. Vor allem, wenn man sie durch das ersetzt, was man sich vorstellt.

Viv war Lindstroms Ex gewesen. Lindstrom hatte nicht oft über sie gesprochen, und wenn, dann war ihr Tonfall reserviert. Ruhig. Neutral. Höflich. In der Art. So wie ich versuchte, über meine Ex zu sprechen. Auch der Lesbentratsch verriet mir nichts über Lindstroms Trennung. Viv hatte kastanienbraunes Haar und erklomm gerade die schmierige Karriereleiter in einer Anwaltskanzlei. Lindstrom hetzte auf der schnellen Schiene bei der Polizei. Ein Powerpärchen – und natürlich tief im Schrank.

Aber das war drei Jahre her. Meinem Eindruck nach sprachen sie kaum noch miteinander und feierten bestimmt keine Pyjamapartys. Okay, durch die Lücken meines Wissens über Detective Lindstroms Privatleben konnte man einen Laster steuern. Ich wusste, dass sie gerne bestimmte, wo’s langging – bei allem und jedem. Vielleicht hatten sie und Viv sich versöhnt.

Aber Lindstrom hatte mich angerufen. Ich raste zu ihrem Haus, ignorierte ein Stoppschild nach dem anderen mit dem Mut derer, die davon ausgehen, dass sich sämtliche Polizisten aus der Gegend am Tatort versammelt haben. Am Tatort. Egal was sonst noch passiert war, Viv war tot.

Wenn ich ehrlich sein soll, wollte mir diese Tatsache nicht eingehen. Die lebendige Viv erschien mir wirklicher, sogar in der Phantasie.

Auf der Sidney Street steuerte ich den Plymouth Richtung Osten. Normalerweise vermied ich das, denn jeder Staat hatte hier ein Stoppschild, von Arkansas über Kalifornien und Mississippi, aber um vier Uhr dreißig war es totenstill und autofrei.

Ich kam zum Soulard Market, sah die Lichter und das Treiben, die großen Kühllaster und kleineren Lieferwagen, die Ware abluden. Ich bog scharf rechts in eine schmale Seitenstraße.

Im Laufe der Jahre haben Franzosen, Iren, Deutsche, Tschechen, Libanesen, gefolgt von weißen Südstaatlern, Soulard für sich beansprucht. Die französischen Backsteinhäuser mit Mansardendächern und Metallsternen an den Seiten wurden zwar aufgemotzt, aber nicht so sehr, dass die Arbeiterklasse sie nicht mehr bezahlen konnte. Die Häuser liegen direkt an der Straße oder haben winzige Vorgärten. Im Februar feiern sie den Mardi Gras mit viel Lärm und Rummel und Drag Queens. Ist zwar nicht New Orleans, aber ich begrüße alles, was den Puls der Stadt ein wenig hochtreibt.

Schon vor heute Nacht war ich an Lindstroms Haus vorbeigekommen. Okay – es stimmt, ich war ein paar liebeskranke Runden gefahren. Auf jeden Fall hatte ich keine Schwierigkeiten, es wiederzuerkennen. Die Polizei stand nicht gerade dutzendweise draußen, aber drei Cruiser, ein Rettungswagen und zwei nicht gekennzeichnete Crown Victorias drängten sich auf der Straße vor ihrem Haus. Der weiße Lieferwagen der Spurensicherung parkte in zweiter Reihe und blockierte fast die Michellene Street. TV-Übertragungswagen waren nicht in Sicht. Ein paar Nachbarn im Bademantel oder Sweatshirt über dem Schlafanzug standen auf der Straße und gafften, als der Rettungswagen davonfuhr. Erleichtert erkannte ich, dass ich die Gelegenheit, Viv zu treffen, verpasst hatte.

Abgesehen von den Polizeiautos war Lindstroms Haus typisch für diesen historischen Stadtteil. Wie seine Nachbarn drängte sich das Backsteingebäude an den Gehsteig. Den schmalen Asphaltstreifen bevölkerten Uniformierte.

Ihr Haus lag auf der Ostseite eines eng bebauten Blocks. Ein Sichtschutz aus hellem Holz zog sich an der Südseite entlang und ließ bloß einen meterbreiten Streifen aus dünnem, sonnenverbranntem Gras übrig. An der Nordseite berührte der erste Stock das Haus nebenan, so dass eine Art überdachter Gehweg zwischen den Gebäuden verlief. Diese architektonische Eigenheit sah man ziemlich häufig in der Gegend. Der kleine Tunnel begann und endete auf Lindstroms Grundstück, der Nachbar hatte keinen Zugang.

Im Dunkel vor Sonnenaufgang verriet das Haus nicht viel. Die rote Fassade war sauber und gepflegt, Fensterläden und Haustür frisch gestrichen. Sah hübsch aus, gab wenig preis. So wie Lindstrom.

Ich fuhr mit unvermindertem Tempo vorbei, bog in eine Seitenstraße und parkte. Ich schaute auf meine Uhr. Die normalerweise zehnminütige Fahrt hatte ich rekordreif in sieben geschafft. Plötzlich hatte ich es nicht mehr eilig. Ich atmete ein, stieß eine Menge Luft aus und stieg aus. Ich schloss ab, denn Schauplätze von Verbrechen ziehen sowohl die Durchschnittsgaffer als auch zwielichtige Gestalten an. Ich bog um die Ecke.

Die kleine Treppe zu Lindstroms Haus lag etwas versetzt zur Nordseite hin. Während ich auf die Hausfront zuging, fuhr ein Cruiser davon. Auf dem Gehsteig lungerten jetzt nur noch drei Uniformierte. »Hallo, ich bin Meg Darcy und mit Detective Lindstrom befreundet. Sie bat mich herzukommen. Kann ich rein?«

Ich versuchte zu lächeln, aber ich weiß nicht, ob es klappte. Der Älteste nahm sein Walkie-Talkie und sprach mit jemandem im Haus. Er war weniger als anderthalb Meter von der Haustür entfernt. Jungs und ihr Spielzeug. Nach zwei weiteren Wortwechseln nickte er mir zu und zeigte auf die Tür. Als hätte ich sie nicht gesehen. Ich spürte ihre Blicke im Rücken, als ich die zwei Stufen erklomm. Mein Herz klopfte.

Als ich die schwere Tür aufdrückte, spürte ich die beißende Kälte der Klimaanlage. Eine Frage war beantwortet. Neely lehnte im Flur am Treppengeländer.

»Hallo.« Ich war erstaunlich froh, ihn zu sehen, aber nicht sicher, ob er sich vom Fall Brooks her noch an mich erinnerte.

»Hallo Meg.« Was für ein guter Detective. »Schön, Sie zu sehen.«

Trotz der frühen Stunde war Neely geschniegelt und gebügelt, wie immer. Dass er mitten in der Nacht angerufen worden war, sah man nur an den dichten schwarzen Bartstoppeln. Er war klein und etwa zehn Jahre älter als Lindstrom. Warum sie ranghöher war als er, hatte ich nie erfahren, aber sie schienen ein gutes Team zu sein.

Mir wurde bewusst, dass wir leise sprachen. Von oben hörte ich lautere, ungezwungene Stimmen und schwere Schritte. Die Spurensicherung, vermutete ich.

»Wie lang sind Sie schon da?«, fragte ich, immer noch mit gedämpfter Stimme.

»Seit kurz nach Mitternacht.« Er schaute auf die Uhr und seufzte. »Viereinhalb Stunden oder so. Ich bin froh, dass Sie gekommen sind. Es geht ihr nicht gut. Sie will überhaupt nicht mit mir sprechen.«

Forschend blickte ich in seine Augen. Dachte er, dass sie mit mir sprechen würde? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Lindstrom ihm von unserer Liebe erzählt hatte. Und ich bezweifelte stark, dass sie sich ihm gegenüber überhaupt als Lesbe bekannt hatte. Vielleicht ging er davon aus, dass wir seit der Festnahme im Fall Brooks im Dezember Freundinnen waren.

»Im Wohnzimmer.« Er zeigte quer über den Flur auf eine offene Tür.

Ich betrat ein lang gestrecktes Zimmer mit kaltgrünen Wänden. Es war sparsam mit teuer aussehenden Stücken möbliert. Für Details hatte ich keine Zeit, denn Lindstrom ging durch den Raum. Sie entfernte sich von mir, konnte aber nirgendwohin, also kehrte sie um. Sie trug eine dunkelbraune, leichte Sommerhose und eine cremeweiße, langärmelige Bluse mit einem rostfarbenen Fleck auf der linken Manschette. Dass mein Herz sein Tempo noch weiter beschleunigen könnte, hätte ich nicht gedacht, doch plötzlich war ein erschrecktes Hengstfohlen in meinem Brustkorb eingepfercht und warf sich gegen die Absperrung.

In diesem Augenblick war ihr Gesicht eine Studie. Der Kiefer angespannt, die Brauen über den zusammengekniffenen Augen gewölbt, die Fäuste geballt. Sie lief über den Orientteppich, machte auf der Hälfte kehrt, ging wieder zurück. Das Zimmer war groß, aber zu eng für ihren Zorn.

»Sarah?« Aus meinem Mund klang es seltsam.

Sie fuhr zusammen und starrte mich an. Einen Augenblick lang wusste sie offensichtlich nicht, was ich in ihrem Wohnzimmer machte.

»Oh, Darcy – du bist da. Schöne Scheiße!«

Ich ging auf sie zu und wollte sie in die Arme schließen. Ich kannte Neely, und wer weiß, wie andere Bullen waren; obwohl sogar heterosexuelle Freunde sich zum Trost umarmen. Aber als ich ihr näher kam, ließ sie sich plötzlich auf das Brokatsofa fallen. Ihre verschränkten Arme und übereinander geschlagenen Beine bildeten eine perfekte Verteidigungslinie. »Mist, Mist, Mist«, murmelte sie und nickte bei jedem Mal nachdrücklich.

Solche Worte verwende ich auf Strafzetteln. Trotzdem litt sie zweifellos.

Ich saß möglichst weit entfernt auf einer Kissenkante.

»Ich will die Person finden, die das getan hat«, sagte sie. Jedes Wort war ein Gelöbnis.

»Das verstehe ich, Lindstrom, aber im Moment –«

Sie ließ die volle Frostladung auf mich ab, ihre Augen waren blaues Eis. »Das tust du nicht.«

Ich kam mit dem Leben davon. Eine kleine Afroamerikanerin kam die Treppe herunter und betrat das Wohnzimmer, während sie ihre Latexhandschuhe abstreifte. Sie stopfte sie in die Tasche ihres weißen Kittels und rieb den Puder am Kittelrand ab. »Ist Johnson hier?«, fragte sie.

»In der Küche«, sagte Lindstrom.

Die Frau von der Spurensicherung ging wieder in den Flur und wir saßen da, machten keinen Mucks und lauschten ihren Schritten Richtung Küche, die offenbar im rückwärtigen Teil des Hauses lag. In der unnatürlichen Stille hörten wir deutlich ihre Stimme. »Wir sind fertig, Detective Johnson. Die Fotos habe ich um acht fertig. Max bringt die Bettwäsche in die Serologie. Ich muss die Fingerabdrücke vergleichen.«

»Eine Sekunde.« Wir hörten, wie ein Stuhl über den Fliesenboden kratzte, dann schwere Schritte. Johnson war ein großer Mann mit gebeugten Schultern und Mahagonihaut. Sein kurzes, gepflegtes Haar war mit Grau durchsetzt, seine Lider schwer, als hätte er seit Monaten keine Nacht mehr durchgeschlafen. Er schien nicht glücklich darüber, einen Mordfall im Haus einer Kollegin untersuchen zu müssen. Mir war nicht klar, ob der harte Zug um seinen Mund immer da war oder nur in diesem Fall. Er war mindestens einsneunzig groß und dick. Seine Haltung war einschüchternd, als er vor uns stand. Das war zu viel für mich, ich stand auf. Lindstrom blieb auf der Couch sitzen.

»Meg Darcy.« Ich streckte die Hand aus.

Er schüttelte sie. »Sind Sie mit Detective Lindstrom befreundet?«

»Ja.«

»Gut. Ich bin froh, dass Sie hier sind.« Er wandte sich Lindstrom zu. »Sarah, wir müssen wissen, ob wir noch andere Fingerabdrücke nehmen müssen.« Sein Bariton klang kratzig, aber nicht so hart wie sein starrer Blick.

»Nein, ich lebe allein.«

»Regelmäßiger Besuch, Angehörige?«

Lindstrom schüttelte den Kopf. »Nein, bloß Vivian. Meine Familie war vor etwa drei Monaten hier. Mom war in meinem Zimmer. Sonst niemand, glaube ich.«

»Tja, Ihre Abdrücke werden wir wohl nicht brauchen. Sollten wir welche finden, die wir nicht zuordnen können, nehmen wir die Ihrer Mutter.«

Lindstrom nickte. Die Fäuste hatte sie noch geballt, aber ihr Gesicht entspannte sich.

Johnson verlagerte sein beachtliches Gewicht. »Wollen Sie nicht mit zu Meg gehen? Dann kommen Sie hier raus und können ein bisschen schlafen.«

Lindstrom sah mich an und ich nickte. Auf so einfache Weise hatte Johnson eine Reihe ernsthafter Auseinandersetzungen verhindert. Die Macht Heterosexueller ist erstaunlich.

Lindstrom stand auf und wir durchquerten die Küche bis zur Hintertür. Als wir an ihm vorbeigingen, streckte Neely eine Hand nach ihr aus, aber sie schüttelte sie ab und schritt durch die Tür. Draußen blieb ich unsicher stehen. Ich blickte ihr nicht ins Gesicht, spürte irgendwie, dass eine soziale Maske verrutscht war, als Reaktion auf Neelys Geste oder die Tatsache, dass sie gerade das Haus verließ, in dem Viv gestorben war.

»Dein Auto oder meins?«, fragte ich, um die Stille zu füllen.

»Ich muss mein Auto für die Spurensicherung hier lassen. Sie haben es noch nicht untersucht.«

Es war schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte. Ich ging voraus in die Seitenstraße, in der das Auto stand. »Verdächtigen Sie dich?«

»Natürlich. Sie wurde in meinem Haus ermordet.« Sie blieb stehen und starrte mich hasserfüllt an. »In meinem Bett.«

Ich habe schon oft davon profitiert, dass ich ein paar Jahre Militärpolizistin bei der Army war. Ich zeigte buchstäblich keine äußerliche Reaktion auf die letzten drei Worte. Meine innere Reaktion war erheblich. Ich war davon ausgegangen, dass Lindstrom mich zumindest angerufen hätte, wenn ihre Beziehung wieder aufflammte. Ich atmete tief ein und schloss die Beifahrertür auf. Ich nahm eine Fastfood-Tüte vom Sitz und warf sie in den Fond. Drei Pommes Frites fielen heraus, ich fegte sie in den Fußraum. Tja, wenn sie glaubte, sie könnte jetzt einfach in mein Bett fallen, war sie auf dem Holzweg. Wenn nötig, würde ich sie bis zur Farm ihrer Eltern nach Nebraska fahren, aber auf keinen Fall nähme ich sie mit in meine Wohnung.

Ich klopfte ununterbrochen auf den Sitz, baute meine Festung wieder auf, bis sie mich an einer Gürtelschlaufe meiner Jeans aus dem Wagen zerrte.

»Es ist nicht so, wie du denkst«, sagte sie leise zu meinem Rücken.

»Woher willst du wissen, was ich denke?«

»Du hältst dich für eine bessere Pokerspielerin als du bist.« Spöttisch, aber nicht so trocken wie üblich.

»Warum gewinne ich dann meistens?«

»Du hast noch nie gegen mich gespielt.«

Sie stand direkt hinter mir. Ich spürte die Hitze ihres Körpers. Sanft legte sie ihre Hand auf meine Schulter, streifte nur leicht meinen Nacken. Einen schrecklichen Augenblick lang glaubte ich, den Fleck auf ihrer Manschette zu riechen, frisch und ekelhaft süß. Ich wich eine Winzigkeit aus. Sie trat zurück.

Ich drehte mich um. Unsere Gesichter waren in der schattigen Seitenstraße nicht zu erkennen. »Komm mit zu mir«, sagte ich. Ich hörte das leichte Zittern in meiner Stimme.

»Nein. Lass uns einfach fahren. Ich brauche Bewegung.« Sie mied meinen Blick.

Da wollte ich sie in die Arme nehmen, sie trösten, an mich drücken. Nicht weil sie hilflos und traurig war. Sondern weil sie so verdammt stark war. Aber sie hatte Hummeln im Hintern wie ein Teenager. »Fahr los«, sagte sie.

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Autorin/Bibliografie

Das Pseudonym Jean Marcy steht für Jean Hutchison und Marcy Jacobs. Seit 14 Jahren ein Paar, hat jede beim Schreiben die Ecken und Kanten der anderen wiederentdeckt. Sie leben mit zwei Hunden und vier Katzen in der Nähe von St. Louis, jenseits des Mississippi, wo Marcy in einem Frauenhaus arbeitet und Jean nach 20 Jahren Lehrerinnenberuf ihre Freizeit genießt

Z. Zt liegen keine weiteren Titel von Jean Marcy vor.

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