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Vorhang auf für
MIss Mooney
P.M. Carlson
Miss Mooney
Ariadne Krimi 1132
· ISBN 3-88619-862-6
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(jederzeit widerrufbar)

Wie starb Jesse James wirklich?
Wen liebte die große Actrice Sarah Bernhardt?
Und was geschah beim Bau der New Yorker Brooklyn Bridge?

Nur Miss Mooney könnte es enthüllen. Denn Bridget Mooney, jung, talentiert und in vieler Hinsicht skrupellos, ist so neugierig und flink wie eine Katze. Als Schauspielerin reizen sie die großen Shakespeare-Rollen, privat hat sie ein Faible für die Geheimnisse anderer Leute, und als unerschrockene Glücksritterin geht sie auch schon mal über Leichen …

Ob Westernkulisse oder mondäne Metropolen der Jahrhundertwende – Miss Mooneys Abenteuer vor historischem Hintergrund sind ein mörderisches Vergnügen.


Leseprobe

Einführung

Geschichten über berühmte historische Gestalten zu schreiben ist eine Herausforderung. Man muss so viele Fakten einbetten.
Fakten wie die Umstände des Todes von Jesse James. Es gibt detaillierte Augenzeugenberichte in Zeitungen, die uns Schritt für Schritt berichten, was geschehen ist. In der Ausgabe vom 4. April 1882 zum Beispiel zitiert die Chicago Daily Tribune seinen Mörder Bob Ford auf Seite 1, Spalte 2:
»Jesse war im Vorderzimmer, wo er immer schlief. Ich hatte ihn noch nie so unvorsichtig erlebt. Er fing an, einige Bilderrahmen abzustauben, hielt aber inne, nahm seine Waffen ab und legte sie aufs Bett. Er hatte einen Colt und eine Smith-Wesson, beide fünfundvierziger Kaliber. Außerdem hatte er im Zimmer ein Winchester-Repetiergewehr mit vierzehn Schuss und eine Kipplauf-Flinte. Als er sich vom Bett abwandte, traten wir zwischen ihn und seine Waffen und legten auf ihn an.«
Klar und deutlich. Aber hier, auf Seite 1, in Spalte 1 derselben Ausgabe, haben wir den Bericht der Daily Tribune über die Zeugenaussage in der Gerichtsverhandlung, direkt neben dem obigen Zitat:
»Er (Jesse) sagte: Ich nehme die Pistolen lieber ab, sonst sieht sie jemand, wenn ich durch den Garten gehe. Er schnallte den Gürtel ab, in dem er zwei fünfundvierziger Revolver trug, eine Smith-Wesson und einen Colt, und legte sie zu seiner Jacke und Weste aufs Bett. Dann nahm er einen Staubwedel, in der Absicht, einige Bilder an der Wand abzustauben. Dazu stieg er auf einen Stuhl. Jetzt kehrte er den Brüdern den Rücken zu, die leise zwischen Jesse und seine Revolver traten und auf ein Zeichen von Charlie beide die Revolver zogen.«
Hoppla. Stand er auf einem Stuhl oder neben dem Bett? Welchem Augenzeugenbericht glauben Sie?
(Und war er wirklich ein so gewissenhafter Hausmann?)
Jenseits der historischen ›Fakten‹ wird es schlimmer. War Jesse ein Held, ein Robin Hood, der die Reichen bestahl, um den Armen zu geben, wie jene behaupteten, die ihm nahe standen? Oder war er ein kaltblütiger Mörder, wie Eisenbahnpassagiere und Gesetzesvertreter glaubten? O.J. Simpson ist nicht der Erste, den manche für nicht schuldig, andere für schuldig halten. Die Geschichten, aus denen sich Geschichte zusammensetzt, hängen wie Gerichtsurteile und Indizien in Kriminalromanen zu einem kleinen Teil von den Fakten ab – wenn wir die Fakten eruieren können – und zu einem großen Teil von demjenigen, der die Geschichte erzählt, und von dem, der sie hört, und davon, wann sie erzählt wird und warum.
Also ja, historische Fiktion ist eine Herausforderung. Ich liebe die Recherchen, das Aufspüren all der ›Fakten‹ und Widersprüche, und überlege mir, ob sie irgendwie erklärbar sind. Zu ihrer Zeit wären Bridget Mooneys Ansichten sicher ignoriert worden, aber heutzutage klingen sie doch recht vernünftig, denke ich gern.

P. M. Carlson
Brooklyn, New York
19. Februar 1998

Auszug aus der Story:

DER VATER DER BRAUT

oder

Ein Schicksal, ärger als der Tod!

»Pscht, Bridget Mooney!«, zischte mir Tante Mollie zu. »Sollen sie uns vielleicht hören?«
»Ach, die können mir alle gestohlen bleiben! Ich erfriere hier«, grummelte ich. »Und dauernd bleibt meine Tournüre in diesen verdammten Zweigen hängen.«
»Keine Frechheiten! Du wirst nie reich und berühmt, wenn du dich nicht wie eine richtige Dame benehmen kannst!«, hob Tante Mollie an und brach dann ab. »Ach herrje! Sie kommen!«
Ich spähte über ihre vom Umhang verhüllte Schulter und durch die Nadeln des immergrünen Buschwerks, in dem wir kauerten – wie lange schon? Seit einer Stunde? Einem Jahr? Seit Menschen Gedenken?
Hinter dem neuen Zaun sah ich sie schließlich. Sie waren wie wir in Umhänge eingemummelt gegen Kälte und bleiernen Himmel. Vorneweg lief ein munterer Knabe im Jugendalter, gefolgt von einer untersetzten, lebhaften Frau am Arm eines adretten Mannes mit spitz zurechtgestutztem Kaiserbart. Dann kam, als Begleiter eines wunderhübschen Mädchens mit glänzenden Rehaugen, der Mann, auf den wir gewartet hatten – ein klein gewachsener, muskulöser Mann mit braunem Bart und gütigem, nachdenklichem Blick. Präsident Grant! Ich gebe es zu, oh ja: Ich war elektrisiert! Am Liebsten hätte ich mich in eine Flagge gewickelt und die »Battle Hymn of the Republic« angestimmt. Er blieb stehen, um sich eine Zigarre anzuzünden, und ich bemerkte, dass hinter ihm noch mehr Leute aus dem Weißen Haus kamen: ein untersetzter junger Mann mit dunklem Schnurrbart, ein unruhiger Mann mittleren Alters mit rötlichem Haar und pockennarbiger Haut, ein gut aussehender, großer, feister Mann. Die ganze Gesellschaft schlenderte auf unsere Ecke des Rasens zu.
»Sag, Papa!«, hörte ich das rehäugige Mädchen sagen. »Warum ist ein Telegramm wie ein errötendes Mädchen?«
»Ach, ich weiß es nicht, Nellie.« Der Präsident lächelte sie an. »Warum?«
»Weil man beide schnell durchschaut!«
Sie lachten. Als sie näher kamen, machte sich Tante Mollie bereit, raffte verstohlen ihren Rock und ihren Umhang und stürzte aus unserem Versteck auf den Zaun zu, genau in dem Moment, als der Präsident uns auf seinem Weg am nächsten kam. Aber als ich ihr hastig folgen wollte, wurde mein Kopf jäh zurückgerissen, als hätte mir jemand eine Schlinge um den Hals gelegt.
Wieder eine Schlappe für Bridget Mooney! Immer die komische Nebenrolle. Meine Haube hatte sich in einem immergrünen Zweig verfangen, und ich saß in der Schlinge wie ein Kaninchen.
Undamenhafte Worte murmelnd machte ich mich daran, meine Haube zu befreien, während Tante Mollie zuckersüß durch den Zaun rief: »Herr Präsident! Ich habe eine wichtige Nachricht für Sie!«
Der Präsident warf einen Blick in ihre Richtung. Tante Mollie war eine aufrechte Frau mit angenehmen Zügen, das Haar nicht mehr rot wie meins, sondern grau gesprenkelt wie Pfefferminzbonbons vom Vorjahr. Ihr Gesicht war rosig von der Kälte. Er fragte freundlich: »Was gibt’s?«
»Man betrügt Sie«, erklärte sie. »Um Tausende von Dollars. Ich habe einen Freund, wissen Sie, der arbeitet bei Inverness in St. Louis …«
Der Präsident seufzte und machte eine ablehnende Geste. »Danke, Madam. Bitte wenden Sie sich an meinen Stab.« Er wandte sich wieder dem Mädchen an seinem Arm zu und ging weiter.
»Aber ich habe Beweise, Herr Präsident!« Tante Mollie hastete wie eine Krabbe am Zaun entlang, um Schritt zu halten.
Die Männer aus der Gefolgschaft des Präsidenten kamen so geruhsam auf sie zu wie große Jagdhunde, die eine glücklose Schildkröte entdeckt hatten. Der mit den rötlichen Haaren sagte: »Nun gehen Sie schon, Madam.«
»Aber ich muss es ihm zeigen!« Tante Mollie wedelte mit einem Päckchen mit grüner Schleife und war den Tränen nahe.
Der adrette Mann erbarmte sich und sagte: »Passen Sie auf, Madam, schreiben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse auf. Wir werden versuchen, Ihnen einen Termin zu verschaffen.«
»Aber es ist wichtig!«
Der Mann mit dem rötlichen Haar war mager, erregbar und brüsk. »Jede Woche richten Hunderte von Leuten Petitionen an den Präsidenten. Jeden Tag! Er kann doch nicht alle erhören, nicht wahr?«
Der große, fleischige Mann hatte einen dichten Bart und ein freundliches Lächeln. »Er braucht Zeit für seine Familie, Madam. Nun gehen Sie schon. Sie hören von uns.«
Sie eilten davon, um Präsident Grant an der nächsten Biegung vor einem Auflauf von Schaulustigen zu retten. Tante Mollie kam zurückgestürmt, wartete aber nicht auf mich. Ich hatte meine Haubenbänder endlich aus dem Gebüsch befreit, aber noch nicht zugebunden. Sie fegte an mir vorbei und überquerte die saubere, seidenglatte Fahrbahn der Pennsylvania Avenue.
»Warte! Warte auf mich!«, rief ich aus, schoss ihr nach und entkam nur knapp den Rädern einer schnellen Kutsche.
Sie schmollte noch immer. »Schau an, wer da kommt! Du warst mir ja eine großartige Hilfe, Bridget Mooney! Es sind schließlich deine Zukunftsaussichten, die wir hier verbessern wollen!«
»Meine Haube hat sich verfangen«, erklärte ich demütig.
»Irgendwas ist immer. Also komm schon. Zurück zur Pension und überlegen, was zu tun ist. Vielleicht sollte ich sie einfach diesem Zeitungsredakteur aushändigen. Fishback. Aber er will nicht zahlen, der Kerl.«
»Zurück zur Pension?«, quäkte ich. »Aber du hast versprochen, wir würden hinterher einkaufen gehen. Ich bin doch nicht den weiten Weg von St. Louis gekommen, um mich im Gebüsch zu verstecken!«
»Oh, Bridget, es ist wirklich ein Kreuz mit dir! Wenn ich deiner lieben Mutter nicht versprochen hätte –« Das stimmte nur teilweise, wie ich wusste. Ich war die strahlende Hoffnung in Tante Mollies Leben, ihr Fahrschein in einen Wohlstand, der weit über die Möglichkeiten einer Regierungs-Kopistin hinausging. Aber ich würde mir – und ihr – nie den Zugang zu diesem verlockend sorglosen Dasein ermöglichen können, wenn ich nicht die nötige Ausbildung erhielt.
Ich sagte: »Ich bin einundzwanzig, Tante Mollie. So gut wie. Du brauchst mich nicht wie ein Kind zu behandeln. Du sagst mir ja nicht mal, was du eigentlich vorhast!«
Sie seufzte und sah ein, dass ich Recht hatte. »Ich sollte es dir wohl erzählen. Hier!«
Sie zog das flache kleine, mit grünem Band verschnürte Päckchen aus der Seitentasche ihres Rockes. Ich machte es auf: nichts als Papiere.
»Die stammen aus dem Büro von Mr. McDonald! Ist das alles?« Ich war bitter enttäuscht. Ich hatte mindestens die Kronjuwelen erwartet.
»Das sind Beweise, alberne Gans! Er hat die Regierung betrogen, und …«
Vielleicht war es die alberne Gans, die mir den Rest gab. Ich hatte es satt, mich von ihr herumkommandieren zu lassen und bibbernd in der Kälte zu stehen, wo doch die Hauptstadt der Nation danach schrie, erforscht zu werden. Und was für eine Hauptstadt das war, jetzt neu erstanden, zehn Jahre nach dem aufreibenden Krieg. Überall wuchsen Gebäude aus dem Boden; die Straßen waren ein Chaos, weil Gasleitungen und neues Pflaster verlegt wurden; überall hatte man edle junge Bäume gepflanzt. Die Pennsylvania Avenue, ein erstaunlich breites Band aus seidenglattem Asphalt anstelle des holprigen Kopfsteinpflasters von St. Louis, winkte mir zu. Ich war jung, hübsch – na ja, hübsch, wenn einem Sommersprossen und gewöhnliches, irischrotes Haar nichts ausmachten. Ich hatte Ferien und sollte mich von Rechts wegen hervorragend amüsieren. Ich stopfte ihre Papiere in meinen Muff und nahm Reißaus. »Komm, Tante Mollie«, rief ich, »ich gehe bummeln!«
Ich weiß, ich weiß, eine richtige Dame galoppiert nicht durch die Straßen der nationalen Metropole. Aber meine Lausbubenjahre, in denen ich mit meinem großen Bruder in den Hügeln von Missouri Eichhörnchen schoss, hatten mich ein paar nützliche Dinge gelehrt. Ja, wirklich. Tante Mollie rannte wacker ein oder zwei Blocks hinter mir her, dann keuchte sie verzweifelt: »Und du wunderst dich, warum ich dich wie ein Kind behandle! Denk an meine Worte, Bridget Mooney, mit dir wird es noch ein böses Ende nehmen!«
Ich hatte eine herrliche Zeit, besonders in den Stoffläden. St. Louis hatte der feinen Importware, die man hier bekommen konnte, nichts entgegenzusetzen. Es kann wunderbar sein, ohne viel Geld einkaufen zu gehen – nicht nötig, sich für irgendeine der sich bietenden wunderbaren Möglichkeiten zu entscheiden, da sie alle gleichermaßen unerreichbar sind. In meiner Fantasie kleidete ich mich üppig in feinen Samt und französische Spitze – als Julia, als Kleopatra, als Rosalinde, sogar als Lady Macbeth. Aber um zwei begann ich mich schuldig zu fühlen. Ein Verkäufer hatte ein hübsches Stück Lyoneser Seidensamtband unbeaufsichtigt auf der Theke liegen lassen. Ich ließ es als Friedensgabe für Tante Mollie mitgehen und lenkte meine Schritte zurück zu unserer Pension.
Ich weiß, ich weiß, Tante Mollie würde auch schimpfen, aber sie hatte auch ein Auge für Qualität. Sie würde es behalten. Und sollten Verkäufer nicht lernen, besser aufzupassen?
Zwei oder drei elegante Wirtshäuser lagen in der Nähe der Abzweigung in meine Straße. Als ich am ersten vorbeikam, torkelte ein junger Mann, gut gekleidet und verteufelt hübsch, zur Tür heraus und rempelte mich an. Er packte meinen Umhang, um nicht zu fallen, und richtete sich dann blinzelnd und schwankend wieder auf. »Oh, na scho wasch, dasch tut mir schrecklich Leid«, rief er aus. Ein Engländer. Ein richtig feiner Pinkel. Und er stank nach Alkohol.
Würdevoll richtete ich meinen Umhang. »Mein Herr, Ihr seid recht grob. Ich bitt Euch, lasst mich gehen.«
»Grob? Tut mir Leid. Wirklich.« Aber er rührte sich nicht vom Fleck, schwankte nur einen Augenblick, als wollte er seine verschwommenen Gedanken sammeln. Er trug einen ordentlichen Schnurrbart, hatte sanfte, aufmerksame Augen und eine lange, kleidsame und mir irgendwie bekannte Nase. Er sagte bedächtig: »Zwei Pilger neigen meine Lippen sich/ den herben Druck im Kusche zu versüßen – ähm, Kusse.«
»Oh, Schurke!«, gab ich zurück. »Deine Lippen sind noch kaum getrocknet seit Deinem letzten Trunk!«
Seine Samtaugen glühten, und er fiel vor mir auf die Knie. »Shakespeare! An dieser finstren Küste! Lieblichste der Sylphen, ich bin dein Sklave auf ewig! Komm, leb mit mir! Oder«, setzte er eher pragmatisch hinzu, während er aufstand und seine eleganten Knie abklopfte, »trinken Sie wenigstens ein Glasch Wein mit mir?«
Ich setzte meinen grimmigsten Lady Macbeth-Blick auf. Er zuckte die Achseln, verbeugte sich und verschwand im nächsten Wirtshaus, während ich rechtschaffen um die Ecke in unsere Straße stelzte, ehe ich zu kichern anfing.
Fröhlich winkte ich unserer Wirtin aus dem Treppenhaus zu. Mrs. Carter war dick wie ein Walross, fast so schnauzbärtig und erhob sich nur selten aus ihrem breiten Schaukelstuhl. Sie reagierte nicht, und ich wusste nicht, ob sie mich nicht gesehen hatte oder nur mehr Zeit brauchte, den runden Arm zu heben. Ich rannte die Treppe hinauf. Tante Mollie und ich hatten eines der beiden hinteren Zimmer im zweiten Stock. Die Treppe führte direkt zu unserer Tür. Sie stand ein paar Zentimeter offen; ich tastete nach dem Band, das ich ihr mitgebracht hatte, und schob dabei die Tür mit dem Fuß auf. Sie wurde von etwas gebremst. Ich spähte um die Ecke und sah Tante Mollie mit einer tiefen blutigen Wunde im Hals hingestreckt auf dem Boden liegen.
Eine richtige Dame hätte ihren Puls gefühlt, oder geweint, oder geschrien. Eine richtige Dame hätte nicht zuerst an ihren eigenen Hals gedacht und daran, wie viel lieber er ihr undurchschnitten war. Eine richtige Dame hätte sich nicht von der halb offenen Tür abgewandt und wäre ruhig die Treppe hinuntermarschiert, Mrs. Carter immer noch fröhlich zuwinkend. Oder wäre, mit einem abgebrühten Lächeln für den jungen Engländer, direkt zum zweiten Wirtshaus zurückgekehrt.
Seine süßen trunkenen Augen leuchteten zur Begrüßung, während er mir entgegenstolperte. »Oh Freude! Ich dachte, Sie wären auf immer meinem Leben entschwunden!«
Mir zitterten die Hände im Muff, und ich konnte mich nicht mal mehr auf meinen Shakespeare besinnen. Tante Mollies Bild bebte noch immer durch mein feiges Gehirn. Ich sagte einfach: »Kann ein Mädchen nicht seine Meinung ändern?«
In meinen Lieblingsmelodramen würde ich damit ein Schicksal, ärger als der Tod, heraufbeschwören. Aber offen gesagt, nachdem ich Tante Mollie gesehen hatte, war mir jedes andere Schicksal recht.


2

Am nächsten Morgen erwachte ich in einem fabelhaften Samt- und Brokatelle-Schlafzimmer zwischen Seidenlaken, die von meinem nächtlichen Herumgewälze und anderem heftig zerwühlt waren. Nicht, dass mein hübscher Engländer irgendwie daran beteiligt gewesen wäre. Was immer seine ursprünglichen Pläne gewesen sein mochten, er war fest eingeschlafen, noch ehe sein Diener und ich ihn ins Bett gehoben hatten, und während ich mich in den Klauen scheußlicher Träume herumgeworfen hatte, lag er die ganze Nacht bleiern und stinkend da. Wie auch immer, um meine Tugend machte ich mir keine großen Sorgen mehr. Ich hatte erst spät Formen entwickelt, und Tante Mollie, immer geschäftstüchtig, hatte sich diese Tatsache zunutze gemacht, indem sie meine Jungfräulichkeit verkaufte. Für gutes Geld. Vier Mal. Die Abnehmer waren Geschäftsleute aus St. Louis, allesamt sehr ehrenwerte Herren. Wirklich und wahrhaftig ...

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Autorin/Bibliografie

P.M. Carlson, von Anfang an im Ariadne-Programm präsent, gehört zu den Grandes Dames des Frauenkrimigenres. Ihrer Thriller-Serie um Marty Hopkins gelang der Sprung auf die vorderen Plätze internationaler Bestsellerlisten. Von P.M. Carlsons Krimis hat Ariadne bisher über 100.000 Stück verkauft.

Weitere Titel von P.M. Carlson finden Sie, wenn Sie im Bereich Recherche das Suchwort "Carlson" oder "Carlson, P.M." eingeben.

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